Abszesse richtig behandeln

abszess-kaninchenUrsache: Wie entstehen Abszesse?

Abszesse sind beim Kaninchen eine häufige Erkrankung. Sie entstehen meistens durch kleine Wunden (meist Bissverletzungen, aber auch Verletzungen an der Einrichtung), OP-Narben (z.B. Kastrations-Abszesse, Abszesse nach Zahnentfernung) und im Kopf- und Kieferbereich durch Zahnfehlstellungen (Verletzungen durch falsch stehende/wachsende Zähne), Speisereste zwischen den Zähnen und Zahnwurzelerkrankungen. Ebenso können Erreger im Blutsystem zu (inneren) Abszessen führen. Besonders zur Abszessbildung neigen Deutsche Riesen. Wunden beim Kaninchen eitern sehr schnell, deshalb ist es sehr wichtig, sie entsprechend zur versorgen. Damit das gesunde Gewebe geschützt wird, kapselt der Körper den Eiter durch eine Membran ab (Abszesskapsel), ein Abszess entsteht.

ABSZESS-reise-deutscherDiagnose: Wie erkenne ich einen Abszess?
Sichtbar werden Abszesse beim Abtasten als Beulen oder Verdickungen, diese werden immer größer, oft wachsen sie innerhalb kürzester Zeit sehr stark. Die Beule fühlt sich fest an und ist meist nicht beweglich. Kieferabszesse sind oft nicht ertastbar und machen sich durch Nahrungsverweigerung, Sabbern und ruhigeres Verhalten bemerkbar. Da Abszesse schmerzhaft sind, kann man dem Kaninchen je nach Lokalisation im fortgeschrittenen Stadium den Schmerz anmerken, z.B. bewegen sie sich weniger weil der Abszess die Haut spannt oder auf die Gelenke drückt, oder sie fressen weniger. Suchen Sie bei Verdacht auf einen Abszess den Tierarzt auf, er kann feststellen, ob es sich tatsächlich um einen Abszess handelt indem er die Beule punktiert (mit einer Kanüle ansticht) und ihn ggf. öffnet/spaltet. Beim Öffnen quillt zäher Eiter (weiß-gelblich) heraus.

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Therapie: Wie werden Abszesse behandelt?

Da Kaninchen dicken, zähflüssigen Eiter haben (die Konsistenz wie Butter oder Margarine), fließt der Eiter nicht ab, deshalb sind Abszesse beim Kaninchen besonders schwierig zu behandeln. Suchen Sie in jedem Fall den Tierarzt auf, denn unbehandelte Abszesse führen zu starken Schmerzen und schwächen das Immunsystem, in recht seltenen Fällen kann es auch zu Blutvergiftungen kommen. Wenn der Abszess früh entdeckt und behandelt wird, ist er meist schnell abgeheilt. Ein spät behandelter Abszess muss oft sehr lange und aufwändig behandelt und operiert werden und ist schon stark abgekapselt. Oft bilden sich mit der Zeit tiefe Fistelgänge, die nur schwer zu behandeln sind.

Es gibt mehrere Behandlungsmöglichkeiten, welche Methode sinnvoll ist, richtet sich nach dem Allgemeinzustand des Kaninchens (Narkosefähigkeit), den Möglichkeiten des Halters (spülen?), der Größe und der Lokalisation des Abszesses und der Abszess-Art (Kieferabszess, tiefer Abszess, oberflächlicher Abszess etc.). Meist werden mehrere Methoden kombiniert:

  • abszess-zwerghaseSpalten des Abszesses: Der Abszess wird mit einen etwa 1 cm langen Schnitt aufgeschnitten, der Eiter herausgedrückt und anschließend die Abszesskapsel täglich (anfangs besser zweimal täglich) gespült. Dabei wird so lange gespült, bis kein Eiter mehr heraus kommt. Beim ersten Öffnen sollte das Kaninchen örtlich betäubt werden (Vereisungsspray oder ein anderes Lokalanästetikum), außerdem wird der Abszess rasiert und desinfiziert, bevor er geöffnet abszess-widderwird. Das Öffnen des Abszesses ist meist einer Erleichterung für das Kaninchen, da der Druck und Zug, der auf der Haut lastet, weicht. Da tägliche Tierarztfahrten das Kaninchen stressen, ist es sinnvoll, sich zeigen zu lassen, wie man den
    Abszess selbst spülen kann.
    Trotzdem ist die Abszessspülung leider mit viel Stress, einem längeren Heilungsweg und auch Schmerzen für das Kaninchen verbunden. Auch wenn diese Methode stark verbreitet ist, sollte man andere Methoden nach Möglichkeit vorziehen. Sie eignet sich am besten wenn eine Narkose vermieden werden sollte (schlechter Gesundheitszustand beim Kaninchen) oder andere Methoden nicht anschlugen. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Spüllösung an den Zustand des Abszesses anzupassen. Am Anfang, wenn der Abszess noch stark eitert, verwenden wir aggressivere Lösungen die stark desinfizieren, z.B. Calendula-Essenz, Rivanol, verdünntes Jod oder Wasserstoff-Peroxid (3%ig). Später wechseln wir dann auf weniger reizende Lösungen, damit der Abszess schneller verheilt, z.B. kolloidales Silber, Wasser oder sehr stark verdünnte Kochsalzlösung. Die ersten Tage empfiehlt sich eine zweimal tägliche Spülung, später reicht es aus, einmal täglich den Abszess zu reinigen.
    Kaninchen mit guten Gesundheitszustand schließen den geöffneten Abszess oft sehr schnell, mitunter sogar innerhalb von zwei Stunden. Deshalb muss er vor dem Spülen geöffnet werden. Dies funktioniert am besten indem man den Schnitt leicht auseinander zieht, die Krusten einweicht und die Spritze hinein steckt oder im Notfall mit einem Skalpell die Wunde vorsichtig nachschneidet. Gespült wird mit einer Spritze, optimal wird auf diese eine Kopfkanüle aufgesetzt. Dies hat den Vorteil, dass man alle Abszessabzweigungen (Fistelgänge) erreicht und nur eine kleine Abszessöffnung nötig ist. Bei nicht mehr eiternden Abszessen, die ihre Öffnung nach oben haben, reicht es meist aus, bis zur Abheilung einmal täglich den Abszess mit desinfizierender Lösung aufzufüllen.
  • Unabhängig von der Therapiemethode ist grundsätzlich ein Antibiotikum nötig. Auch wenn Baytril sehr gut vertragen wird, hat es sich in der Praxis (gerade bei schwereren Abszessen) nicht bewehrt, da der Eiter meist resistent gegen den Wirkstoff ist. Eine deutlich schnellere Heilung und Bekämpfung des Eiters erreicht man mit der Gabe von Penicillin. Diese Wirkstoffgruppe ist umstritten, da sie oral (in den Mund) eingegeben nicht vertragen wird und sogar tödlich enden kann. Verbreitet ist sie zur Behandlung von Kaninchensyphilis. Weniger bekannt ist, dass Penicillin subkutan gespritzt meist recht gut vertragen wird, hervorragend gegen den Eiter wirkt und schon vielen Kaninchen mit starken Eiter das Leben gerettet hat. Besonders gut vertragen wird Veracin, das jedoch viele Kleintierärzte nicht vorrätig haben, da es mittlerweile nur noch für Großtiere zugelassen ist. Veracin wird beim Kaninchen am besten täglich und nicht nur alle zwei Tage gespritzt. Als Alternative kann Duphamox täglich verabreicht werden. Beim Spritzen ist penibel darauf zu achten, dass keine Rückstände an der Einstichstelle verbleiben, die weg geputzt werden könnten. Bei Abszessen mit Knochenbeteiligung sollte zusätzlich ein knochengängiges Antibiotikum wie z.B. Baytril gegeben werden. Es kann bei sehr schweren, wiederkehrenden Abszessen, gerade im Kieferbereich in Ausnahmefällen nötig sein, lebenslang Antibiotikum zu geben.
  • Natürliche Heilpflanzen, die sehr gut bei Eiter und Abszessen helfen, sind Ingwer und Meerrettich in Kombination. Die Akzeptanz der Pflanzen ist schlecht, deshalb müssen sie mit einem Lieblingsfutter vermischt (z.B. Banane) angeboten werden. Der Meerrettich ist ein wirksames Breitband-Antibiotikum gegen grampositive und gramnegative Bakterien, z.B. Kiefervereiterungen und Abszessen. Ingwer hemmt die Entzündung und puscht das Immunsystem. Diese Pflanzen sollten ein bis zweimal täglich gereicht werden, ein paar Tage über die Heilung hinaus.
  • Bei schmerzhaften Abszessen kann es nötig sein, ein Schmerzmittel (Metacam) zu verabreichen. Gerade bei Kieferabszessen ist dies sehr wichtig, damit das Kaninchen weiterhin frisst.
  • Abszessentfernung: Wenn der Abszess abgrenzbar ist, kann er oft vollständig (inklusive Kapsel) heraus operiert werden, diese Methode ist, sofern sie möglich ist, immer die beste. Außer Antibiotikum und ggf. Schmerzmittel, ist dann keine weitere Therapie nötig.
  • Nach der Operation des Abszesses können Leucase N Kegel eingelegt werden, diese führen zu einer lokalen Antibiose, betäuben die Wunde, lösen sich selbst auf und müssen nicht wieder herausgenommen werden. Da sie nur recht kurz wirken, müssen die öfters erneuert werden oder es wird anschließend gespült.
  • abszess spülenEs ist sinnvoll, in den ersten Tagen nach dem Spülen ein Antibiotikum (Injektionslösung) in die Wunde zu geben. Sollte dieses irgendwo heraus laufen und abgeschleckt werden können, so ist nur Baytril oder ein anderes oral verträgliche Antibiotika sinnvoll.
  • Ebenfalls gute Erfahrungen wurden mit Manuka Lind Heilhonig oder Manuka G Wundsalbe gemacht. In die Wunde gegeben wirkt er leicht antibiotisch und heilungsfördernd.
  • Eine weitere Behandlungsmöglichkeit bietet ein Septocollvlies, das nach der Operation in die Wunde gelegt wird, dann entfällt das Spülen. Die Erfahrungswerte sind unterschiedlich und das Vlies ist leider recht kostenintensiv.
  • bisswunde abszessUnumgänglich ist es, die Ursache für den Abszess zu finden und abzustellen. Besonders im Kopf- und Kieferbereich stecken oft Zahnprobleme dahinter, die durch ein Röntgenbild festgestellt werden können. Ggf. müssen diese entfernt werden. Zudem sieht man so, ob der Kieferknochen beteiligt ist. Wird die Ursache nicht genauer untersucht und aufgehoben, kommt der Abszess immer wieder oder heilt gar nicht erst ab.

Sollte der Abszess Kontakt zum Boden haben, muss auf absolute Sauberkeit geachtet werden. Damit die Wunde nicht verschmutzt, können Tücher anstatt der Einstreu ausgelegt werden.

Abszess hinter dem Auge

Plötzlich hervortretendes Auge und Nickhaut:

auge steht hervor abszess hinter dem auge auge quillt raus

Operative Entfernung (die Zähne wurden durch Röntgenaufnahmen als Ursache ausgeschlossen):

augenoperation

Ausfluss nach der OP:

augenentfernung

Drainage (nachdem der Abszess 10 Tage nach der OP wieder geeitert hat)

abszess drainage

Tägliches Spülen mit Wasserstoffperoxid, Behandlung mit Duphamox (gespritzt) & Baytril und Manukahonig nach dem Spülen in die Wunde:

abszess auge

Abszess an der Backe

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