Otits (Ohrenentzündung)

zwergwidder

Meistens treten Ohrenentzündungen bei Widdern auf.

Ohrenentzündungen sind beim Kaninchen leider nicht selten, besonders häufig treten sie bei Widderkaninchen auf, da diese einen verengten, schlecht belüfteten und angewinkelten Gehörgang haben, welcher eine bakterielle Entzündung begünstigt.

Symptome:

  • Die meisten Kaninchen mit Ohrenentzündung zeigen kaum Symptome, außer evtl. ein etwas ruhigeres Verhalten!
  • Es können jedoch folgende Symptome auftreten:
  • Verschmutzungen im Gehörgang
  • Kopfschiefstellung durch Schmerzen
  • Abklappen des Ohres
  • Im Kreis laufen
  • Nystagmus (Augenbewegungen)
  • Gleichgewichtsstörungen
  • evtl. Teilnahmslosigkeit oder ruhigeres Verhalten durch Schmerzen
  • Bewusstseinsstörungen
  • Veränderungen im Ohr und Kratzen bei Ohrenentzündung durch Ohrräude
  • evtl. Schnupfen akut oder in den letzten Jahren (bei Pasteurellen als Ursache)
  • Kopfschütteln, Ohrschütteln
  • (Einseitige) „Gesichtslähmungen“, hängender Mundwinkel (ipsilateraler hemifaszikulärer Spasmus oder Fazialislähmungen)
  • evtl. weitere Symptome durch Folgeerkrankungen (wie Meningitis), z.B. Krämpfe, Lähmungserscheinungen
  • evtl. schlechter Appetit/Nahrungsverweigerung

    Mit dem Otoskop kann der Tierarzt nur den Gehörgang sehen, Entzündungen hinter dem Trommelfell (Innenohr und Mittelohr) sind nicht sichtbar.

Diagnose

Die meisten Kaninchen zeigen keinerlei offensichtliches Zeichen sondern nur etwas schmutzigere Gehörgänge und ein apathisches/ruhiges Verhalten. Durch ein Blutbild sind Ohrenentzündungen oftmals ein Zufallsbefund, wenn die Entzündungswerte auffällig sind und die Ursache dafür gesucht wird (Pseudolinksverschiebung, Leukozytose). Allerdings verursachen leider nicht alle Ohrenentzündungen Entzündungsreaktionen im Blut.

Bei der Diagnostik wird unterschieden (auch mehrere Entzündungen gleichzeitig sind möglich):

  • Gehörgangsentzündung (Otitis externa): durch den Blick ins Ohr erkennbar (Otoskop, Endoskop), ein Abstrich hilft ggf. dabei, Eiter von Ohrenschmalz zu unterscheiden oder Milben festzustellen.
  • Mittelohrentzündung (Otitis media): das Mittelohr befindet sich hinter dem Trommelfell und ist von außen nicht einsehbar. In extremen Fällen kann das Trommelfell nach außen gewölpt oder Eiter in den Gehörgang eingedrungen sein, normalerweise ist sie jedoch nicht sichtbar. Um diese auszuschließen, müssen Kopfröntgenbilder in mehreren Ebenen erstellt werden, aber selbst diese zeigen nicht jede Mittelohrentzündung, deshalb wird zur Computertomographie (CT) geraten. Auch durch eine Magnetresonanztomographie (MRI) können Otitiden diagnostiziert werden.
  • Im Röntgenbild können viele, aber nicht alle Ohrenentzündungen erkannt werden.

    Innenohrentzündung (Otitis interna): diese ist beim Rötngen in mehreren Ebenen teils sichtbar, aber leider nicht immer, oftmals muss eine Computertomopraphie (CT) herangezogen werden um Innenohrentzündungen zu diagnostizieren.  Auch durch eine Magnetresonanztomographie (MRI) können Otitis interna diagnostiziert werden.

Häufig haben Kaninchen mit Ohrenentzündungen einen langen Leidensweg, weil die Diagnose nicht richtig gestellt wird.

Etwa jedes dritte Kaninchen mit Kopfschiefhaltung hat beispielsweise kein E. Cuniculi sondern eine Ohrentzündung. Oft kontaktieren uns Halter, deren Tiere seit „einem halben Jahr ohne Besserung E. Cuniculi haben“. Bei genaueren Nachfragen stellt sich dann heraus, dass „der Tierarzt sich sicher war, dass das Tier E.C.“ hat aber nie Diagnostik gemacht wurde, die das bestätigt. Oft wurde nicht einmal ins Ohr geschaut. Durch die lange Zeit ohne Behandlung ist die Ohrenentzündung meistens schon so weit fortgeschritten, dass sie teils nicht mehr in in den Griff zu bekommen ist oder sogar sich ausgebreitet hat. Unbehandelt kann es zur Meningitis (Hirnhautentzündung), Abszessen oder Entzündungen im Rückenmark bzw. in der Lunge kommen.

Teils ist auch die Niere entzündet oder die Gelenke mitbetroffen. Diese Erkrankungen führen zu weiteren Symptomen, die mit E. Cuniculi verwechselt werden können. Lange unbehandelt löst sich oft sogar der Knochen auf oder wird stark angegriffen, so dass nur noch eine Einschläferung in Frage kommt.

leo ec ohrentzündung kaninchen

Leo wurde mit Kopfschiefhaltung, Krämpfen, Schnupfen und linksseitigen Lähmungserscheinungen ein halbes Jahr lang gegen E. Cuniculi behandelt (u.a. mit drei Antibiotika), erst dann bekam die Halterin in einer Beratung den Hinweis, dass eine Ohrenentzündung dahinter stecken könnte, die dann auch festgestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er schon in einem schlechten Zustand und steif.

Da Kaninchen kaum Schmerzanzeichen zeigen, leben sie teils bis zum grausamen Tod mit höllischen Schmerzen, da an der Diagnostik gespart wurde. Um die Schmerzen erträglicher zu machen, legen sie den Kopf schräg.
E. Cuniculi  bricht oftmals bei geschwächten Tieren aus, es gibt auch viele Kaninchen die durch eine Ohrenentzündung einen zusätzlichen E. Cuniculi-Ausbruch bekommen, deshalb sollte auch bei positiven E. Cuniculi – Titer unbedingt untersucht werden, ob die Ohren wirklich gesund sind.

Ursachen:

  • Infektion mit Schnupfenerregern wie z.B. Pasteurellen
  • Ohrräude
  • Bissverletzungen, Abszesse
  • Zahnerkrankungen, Zahnabszesse

Therapie

  • Entscheidend ist ein wirksames Antibiotikum. Dafür sollte ein Abstrich aus dem Ohr entnommen und ein Antibiogramm erstellt werden. Für diesen Abstrich wird mit einer Kopfkanüle Eiter aus dem Ohr gespült und eingeschickt. Ohne das vorherige Herausspülen mit NaCl-Lösung ist das Ergebnis meistens nicht nützlich. Oft ist Penicillin (darf nur gespritzt werden!) sehr gut wirksam, es ist aber nur geeignet, wenn das Kaninchen gut frisst. Idealerweise wird es mit einem Antibiotikum kombiniert, das ZNS-gängig ist.
  • Zusätzlich kann bei intaktem Trommelfell mit antibiotischen Augentropfen im Ohr gearbeitet werden.
    Achtung! Keinesfalls Surolan oder andere cortisonhaltige Ohrenmittel beim Kaninchen anwenden!
  • Reinigung des äußeren Gehörgangs. Beispielsweise mit Otodine Ohrreiniger. Dieser darf auch bei beschädigten Trommelfell angewendet werden. Keinesfalls dürfen Surolan oder andere cortisonhaltige Ohrreiniger/Medikamente beim Kaninchen angewendet werden! Meistens reicht es den Gehörgang einmal oder wöchentlich zu reinigen, da die Ohrreinigung beim Kaninchen mit erheblichen Stress verbunden ist!
  • Schmerzmittel, möglichst hoch dosiert, ggf. 2-3x täglich
  • Je nach Allgemeinzustand sind weitere Maßnahmen erforderlich (Zufüttern, Infusionen…)
  • Je nach Ursache muss die auslösende Erkrankung selbstverständlich auch bekämpft werden (Ohrräude behandeln, Abszesse behandeln, Zähne korrigieren etc.)
  • Um die Überlebenschance zu erhöhen, eine schnellere Heilung zu ermöglichen und Rückfälle zu verhindern, haben sich alternative Therapien bewehrt. Besonders wichtig ist es, das Immunsystem aufzubauen und entzündungshemmende Mittel wie z.B. Ingwer (entzündungshemmend und schmerzlindernd), Meerrettich (antibiotisch) und Schwarzkümmelöl. Ingwer und Meerrettich müssen geraspelt zunächst in sehr kleinen Mengen in einem absoluten Lieblingsfutter angefüttert und nur langsam in der Menge gesteigert werden, damit sie die Kaninchen mitfressen. Zum Beispiel in geraspelten Apfel, Cuni Complete – Brei oder zerdrückter Banane.
  • Leider ist bei der antibiotischen Therapie häufig mit Rückschlägen zu rechnen. Hinzu kommt, dass viele Antiobiotika nur sehr begrenzt wirken, da der Eiter beim Kaninchen zu zäh ist. Deshalb wird die Otitis durch die Antibiotika in der Regel nur zurückgedrängt, aber nicht ausgeheilt. Aus diesem Grund wird zu Operationen geraten, die Art des chirurgischen Eingriffs richtet sich nach der Lokalisation der Otitis:
  • Laterale Gehörgangsresektion (bei reiner Otitis externa): Entfernung eines Teiles der Gehörgangwand und Schaffung einer Abflussrinne
  • Totale Gehörgangsresektion (bei schwerer Otitis externa): Entfernung aller Knorpel des äußeren Gehörgangs. Das Gewebe und die Haut können anschließend wieder zugenäht werden. Es kann jedoch auch eine neue Öffnung angelegt werden.
  • Laterale Bullaosteotomie (bei nicht intaktem Trommelfell, Otitis interna oder Otitis media zusammen mit Otitis externa): Oft zusammen mit einer der beiden vorangehenden Operationen. Dabei wird der Hohlraum des Mittelohrs (Bulla tympanica) angebort, ausgeschabt und gespült.
  • Ventrale Bullaosteotomie (bei intaktem Trommelfell, Otitis media ohne Otitis externa): Freilegung des Mittelohrs durch einen Schnitt, anschließende Ausschabung und Spülung.

Weitere Beispiele:

Mickey mit Kreisbewegungen, Schnupfen und Kopfschiefhaltung

Micky hatte 10 Monate lang einen schrägen Kopf und wurde anfangs gegen EC behandelt, weil er im Blut den Titer hatte. Da der Kopf nicht gerade wurde, lies man ihn unbehandelt sitzen. Ich habe durch umfangreiche Diagnostik abklären lassen, warum der Kopf schräg gehalten wird. Er hatte eine Ohrenentzündung und wurde von mir gegen EC und die Ohrenentzündung behandelt. Der Kopf wurde nun innerhalb von wenigen Tagen wieder gerade. Auch sein Schnupfen ist sehr viel besser geworden. Kaninchen mit Ohrenentzündung halten den Kopf schräg um die extremen Schmerzen zu reduzieren. Oft wird das mit EC verwechselt und keine Diagnostik gemacht. Dadurch leiden sehr viele Kaninchen über Monate an höllischen Qualen (jeder, der mal eine kräftige Mittelohrentzündung hatte, kann sich wohl vorstellen, wie das ist). Äußerlich war bei Micky übrigens das Ohr völlig in Ordnung und auch beim Reinschauen mit einer Kamera konnte man nichts sehen. Nur durch ein Kopf-Röntgenbild wurde die Entzündung sichtbar. Auch über ein Blutbild kann man übrigens Entzündungen sehen. Während früher EC eher unbekannt war und man erst einmal einen Tierarzt finden musste, der es richtig behandelt, ist es heute so, dass fast alles den Stempel „E. Cuniculi“ bekommt und dadurch eine Masse an Tieren falsch gegen das schmerzfreie E. Cuniculi behandelt wird, obwohl sie eigentlich eine ganz andere Erkrankung (mit Schmerzen) haben. Dadurch heißt es oft „mein Kaninchen ist an EC gestorben“. Kein Kaninchen stirbt an EC, sofern man mit einem Blutbild die Nieren überprüft und mitbehandelt (an Nierenversagen durch EC können sie sterben) und sie von Anfang an richtig behandelt werden. Ganz viele Kaninchen leiden Qualen oder sterben jedoch an einer ganz anderen Krankheit, die mit EC verwechselt wird. Micky hatte Glück weil die Ohrenentzündung nicht so stark war und auch, weil ich ihn mitgenommen habe und die Diagnostik machen lies. Bei anderen Kaninchen die monatelang unbehandelte Ohrenentzündung haben, ist oft schon der Knochen aufgelöst und das Tier muss eingeschläfert werden oder verstirbt.

Paul mit schiefer Schnute, Kopfschiefhaltung und Hinterhandlähmung

Seit Juli 2015 hatte Paul eine „schiefe Schnute“. Den Grund kannte unser Tierarzt nicht und wusste keinen Rat. Auch im Internet konnte man keine Informationen bekommen.
Dann knickten Paul erstmals im Frühjahr und dann November 2016 die Hinterläufe weg. Diagnostiziert wurde u.a. ein Rückenproblem.
Da die Symptome nicht besser wurden, drängten wir auf eine andere Behandlung. Er wurde schließlich beide Male gegen EC behandelt, wodurch die Symptome verschwanden und Paul wie früher war. Im November bekam er zudem eine leichte Kopfschiefstellung, die nicht mehr ganz zurück ging.
Am 27. Dezember 2016 kippte er erneut weg. Wir besorgten uns am 28. Dezember die notwendigen Medikamente um den vermuteten EC-Schub sofort zu stoppen. Dies waren Baytril und Panacur sowie Vitamin B Komplex. Leider wurden Pauls Symptome deutlich schlechter, so dass es notwendig wurde auf Grund der Urlaubszeit bei einer Vertretungs-Tierärztin vorstellig zu werden.
Paul wurde (unzureichend) per „Tasten“ und „Ansehen“ untersucht. „Es muss wohl EC sein“ so lautete die Diagnose. Er bekam eine Spritze Kortison und eine Spritze Enrofloxacin. Da die Wirkung am gleichen Tag positiv anschlug, wurde er am nächsten Tag noch einmal identisch behandelt. Er ging ihm deutlich besser, bis er zum Wochenende stark einknickte und wir am folgenden Montag zu unserem regulären Haustierarzt gingen. Dieser befand auch, dass es EC sei, es wurde uns bereits erstmalig die Einschläferung nahelegte, da Paul bereits kaum noch hocken konnte. Durch unser Drängen wurde eine Woche später ein Röntgenbild angefertigt und Blut abgenommen um eine Mittelohrentzündung (Otitis Media) auszuschließen. Trotz der schiefen Aufnahme war, wie sich später herausstellte eine deformierte zu erkennen, die unser Tierarzt aber nicht erkannte. Das Blutbild ergab, dass kein EC Titer und keine Entzündungswerte vorhanden waren. Ab hier wurde Paul 3 Wochen intensiv gepflegt, er konnte nur noch liegen. Auf unserem Druck hin wurde Paul mit Chloromycetin Palmitat behandelt, in dessen Folge er gepäppelt werden musste. Nach 10 Tagen wurde das Antibiotika abgesetzt und Paul begann wieder von alleine zu fressen. Generell ging es ihm deutlich besser, aber konnte trotzdem nur noch liegen. Wir holten ein 2. Meinung ein. Die Tierärztin fertige ein CT an hier wurde eine langjährige Otitis Media festgestellt und ein daraus resultierender Abzess am Gehirn verbunden mit Knochenauflösung. Dies war auch der Grund der „schiefen Schnute“ (ipsilateraler hemifaszikulärer Spasmus/Fazialislähmungen), die er seit 2015 hatte. Die Behandlung mit dem Antibiotika war zwar erfolgreich, kam nur rund 1 ¾ Jahre zu spät. Paul musste eingeschläfert werden.

Quellen u.a.:

Eatwell, K, Mancinelli, E., Hedley, J., Yool, J. (2013): Partial ear canal ablation and lateral bulla osteotomy in rabbits
Eckert, Y., Witt, S., Reuschel, M., & Fehr, M. (2017): Otitis beim Kaninchen–Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten. kleintier konkret, 20(S 02), 2-9.
Ewrngmann, A. (2016): Leitsymptome beim Kaninchen. Enke
Mancinelli, E., Lennox, A. M. (2017): Management of Otitis in Rabbits. Journal of Exotic Pet Medicine 26 (2017), pp 63–73
Ewringmann, A. (2016): Leitsymptome beim Kaninchen: Diagnostischer Leitfaden und Therapie. Georg Thieme Verlag
Matos, R., Ruby, J., Hatten, R. A. van, Thompson, M. (2015): Computed tomographic features of clinical and subclinical middle ear disease in domestic rabbits (Oryctolagus cuniculus): 88 cases (2007–2014). Journal of the American Veterinary Medical Association, February 1, 2015, Vol. 246, No. 3 , Pages 336-343
[https://doi.org/10.2460/javma.246.3.336, 27.08.2017]
Meredith, A., & Lord, B. (2014). BSAVA manual of rabbit medicine. British Small Animal Veterinary Association
Reuschel, M. (2017): Ohrentzündungen bei Kaninchen. [https://vetline.de/ohrentzuendungen-bei-kaninchen/150/3252/103523/, 15.09.2017]
Varga, M. (2014): Textbook of Rabbit Medicine. Second Edition

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.