Neue Wege im Umgang mit Parasiten

würmer-kaninchenKaninchen effektiv und zeitgemäß entwurmen

Würmer sind eine Bedrohung für die Tiergesundheit, das wird uns seit Jahren so eingeimpft. Und ein Funken Wahrheit ist an dieser Aussage auch dran, gerade Jungtiere, gestresste Kaninchen oder kranke Tiere können an einem starken Wurmbefall schwer erkranken und unbehandelt versterben.

Würmer als Lehrer des Immunsystems

Die andere Seite der „Würmerwelt“ wird uns jedoch zumeist verschwiegen. Denn diese unbeliebten Gesellen tun auch viel Gutes. Immunologen wissen dies seit Jahren:

Ein erfolgreicher Parasit wird seinen Wirt immer am Leben halten. Den Menschen zu töten ist das letzte, was ein Parasit im Sinn hat. Und dem Immunsystem erscheint es als legitim, lieber die Produktion von Wurmeiern zuzulassen, wenn die Alternative Elephantiasis lautet. Würmer aktivieren Regulationsmechanismen, die Fehlreaktionen, wie sie bei Allergien und Autoimmunkrankheiten bestehen, beseitigen oder abschwächen. Und das aufregende dabei ist, dass wir in den klinischen Studien sehen, dass das tatsächlich funktioniert.”

Graham Rook (Immunologe)

Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen schon lange, dass ein geringer Parasitenbefall für Tiere gesundheitsfördernd ist und auch keine Symptome auslöst. Und immer mehr Tierärzte ziehen daraus ihre Schlüsse:

„Unser Ziel muss vielmehr sein, einen geringen Wurmbefall zuzulassen, der die körpereigene Immunabwehr fortlaufend stimuliert. Gleichzeitig müssen wir aber Vorkehrungen treffen, dass es zu keinen massiven Infektionen kommt, die klinische Erscheinungen verursachen.“ Menzel, Markus A., Tierarzt

 

Diese Erkenntnisse beschäftigen mittlerweile viele Experten.

„Der Mensch lebt als Organismus seitdem er existiert zusammen mit ganz vielen Bakterien und wahrscheinlich auch Würmern, sprich Parasiten. Das ist gewissermaßen eine Symbiose, auch im positiven Sinne. Das verstehen wir eigentlich erst in den letzten Jahren. Es kann nicht das Ziel sein, den menschlichen Körper komplett keimfrei zu bekommen, also alle Bakterien, Parasiten und vielleicht auch Viren zu entfernen unter der Vorstellung, die Gesundheit würde sich bessern. Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall.“
Neurologe Friedemann Paul von der Berliner Charité

Die Wissenschaft ist schon in den 90er Jahren dazu übergegangen, den Schweinepeitschenwurm Trichuris suis zu nutzen. Er hat beim Menschen keine negativen Auswirkungen, aber die Vorteile einer parasitären Erkrankung. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Allergien und Autoimmunerkrankungen, also ein überschießendes Immunsystem durch Parasiten zurück geschraubt wird. Die Parasiten scheinen bei den meisten Menschen eine starke Immun-Überreaktion zu regulieren.

Antiparasitika sind nicht so wirksam wie gedacht!

Wir kennen es von Hund und Katze: Alle paar Wochen oder Monate sollen diese Haustiere Medikamente schlucken, um einem Wurmbefall vorzubeugen. Dass diese Mittel nur die aktuellen Würmer abtöten, aber nicht vorbeugend wirken, ist den wenigsten Haltern bewusst. Zudem töten Antiparasitika nicht alle Parasiten ab, sondern nur den größten Teil:

Der Bericht der Kommission der Europäischen Gemeinschaften aus dem Jahr 2008 legt dieses Problem offen:

“Sämtliche Kokzidiostatika verhindern die Vermehrung des Parasiten, führen jedoch nicht zu seiner völligen Beseitigung aus dem Tierdarm.”

Das erklärt auch sehr gut, warum viele Halter mit ständigen Parasitenbefall kämpfen obwohl sie jedes Mal mit hochgiftigen Desinfektionsmaßnahmen und Medikamenten hantieren. Die Parasiten kommen immer wieder obwohl sie doch eigentlich längst abgetötet wurden. Und es scheint immer mehr Probleme mit Würmern zu geben, derweil müssten sie doch längst ausgestorben sein?

Resistenzen sind ein großes Problem

Wer über die Jahre die Tierarztempfehlungen verfolgt hat, wird gemerkt haben, dass die Entwurmungs-Abstände immer enger werden. Immer häufiger werden die Haustiere mit Medikamenten vorbeugend belastet.

Das hat einen einfachen Grund: Die Parasiten entwickeln starke Resistenzen gegen die Entwurmungsmittel.

Das Ganze kennen wir von Antibiotika, die in der Massentierhaltung ebenfalls prophylaktisch eingesetzt werden, auch wenn das eigentlich längst verboten ist. Auch Futterzusätze gegen Kokzidien waren bis vor kurzen stark verbreitet, bis sie nun der Gesetzgeber verboten hat. Dieser hatte dafür gute Gründe, denn durch die ständige Gabe von Parasiten-Bekämpfern werden die Schmarotzer gegen diese resistent und die Bekämpfung von akuten Krankheitsausbrüchen durch Parasiten wird immer schwieriger. Aus der vorbeugenden Parasitenbekämpfung resultieren tatsächliche Probleme wie z.B. Erreger die gegen sämtliche Mittel immun sind, ähnlich den multiresistenten Krankenhauskeimen, die durch häufigen Antibiotika-Einsatz entstehen.

„Der Wirkstoff Ivermectin wirkt beispielweise heute oft deutlich kürzer als noch vor Jahren: Pferde können bereits nach zirka fünf Wochen wieder Wurmeier ausscheiden“
Becher, A., Tierärztin

Moderne Parasitenprophylaxe

Was beim Menschen schon seit Jahren aktuelle Praxis ist, kommt auch in der Haustierhaltung immer mehr zum Tragen: Eine individuelle Parasitenprophylaxe. Ein hoch auf die Diagnostik, die uns dies ermöglicht.

„Die selektive Therapie ist die einzige Chance, der steigenden Zahl von resistenten Würmern zu begegnen, die sich mit gängigen Medikamenten nicht mehr sicher bekämpfen lassen“
Professor Kurt Pfister, Leiter des Instituts für Vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie, Veterinärmedizinischen Fakultät an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Was ist eine „selektive Parasitenbehandlung“?

Bei dieser Vorgehensweise wird nach aktuellen wissenschaftlichen Stand gegen Parasiten behandelt. Konkret heißt dies:

  • Es werden regelmäßig Kotproben an drei Tagen gesammelt, besteht ein Befall, wird eine Kotprobe von jedem Tier separt ins Labor gegeben (ca. 15€/Tier/Probe)
  • Je nach Ergebnis werden die Tiere individuell behandelt (nicht alle Tiere der Gruppe weil eines einen Befall hat!), hat ein Tier Symptome, wird es jedoch grundsätzlich behandelt:
    Leichter Befall: Keine Behandlung
    Mittelgradiger Befall: Behandlung ja/nein – je nach Gesundheitszustand
    Starker Befall: Das Kaninchen wird behandelt
  • Die Kotprobe wird zwei Wochen nach jeder Behandlung wiederholt um zu überprüfen, ob das Medikament gewirkt hat oder der Parasit resistent ist.
  • Im ersten Jahr werden etwa vier Kotproben abgegeben, in den darauf folgenden Jahren 1-2 Proben. Wir ein Befund in der Sammelkotprobe festgestellt, müssen Einzelkotproben der Tiere veranlasst werden. Tiere die häufiger einen Befall haben, werden häufiger mittels ihrem Kot untersucht. Sofortige Kotprobe bei gesundheitlichen Problemen, die auf Parasiten schließen lassen.
  • Bei Neuzugängen wird eine Kotprobe von drei Tagen abgegeben, im Labor untersucht, bei Befall behandelt und nach 14 Tagen wiederholt untersucht um zu sehen, ob die Keime resistent sind. Dies ist sehr wichtg, um sich keine resistenten Parasiten einzuschleppen!

kokzidien-kaninchen-mikroskopVorteile der sektiven Entwurmung:

  1. Es bilden sich keine bzw. weniger schnell Resistenzen. Zudem sieht man durch die seleketive Entwurmung, welche Medikamente bereits unwirksam sind und welche gut wirken. Stark vereinfacht erklärt: Resistent wird ein Medikament durch Zufall (Mutation) wenn sich die Gene verändern. Wenn laufend alle Tiere entwurmt werden, überleben hauptsächlich resistente Würmer.  Diese Würmer paaren sich untereinander und es bildet sich ein resistenter Stamm.
    Werden nicht alle Tiere behandelt, überleben auch Würmer, die nicht resistent sind. Diese bilden dann einen Genpool, der sich durch Vermehrung mit den resistenten Würmern mischt und so die Bildung eines resistenten Stammes verhindert oder zumindest stark verzögert.
  2. Individuelle Behandlung jedes Kaninchens je nach Bedarf

    „Dabei findet man häufig Tiere mit einem relativ geringen Befall und nur einige wenige Tiere mit einem sehr hohen Endoparasitenbefall. Diese hohe Varianz in der Befallsmenge innerhalb einer Population kann verschiedene Ursachen haben: Zum einen ist das Alter der Tiere maßgeblich für die hohe Varianz verantwortlich; zum anderen können auch innerhalb bestimmter Altersklassen die Befallsmengen erheblich variieren (Jungtiere siehe vorliegende Daten; Adulttiere nicht gezeigte Daten). Verantwortlich können dafür weiterhin die genetische Prädisposition, die individuelle Konstitution und Umwelteinflüsse sein (Lucius & Loos-Frank, 2008).“
    Starkloff, Einfluss von Wetterfaktoren
    und sozialer Umwelt auf den Endoparasitenbefall
    juveniler Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus L.)

     

  3. Weniger Medikamentebelastung für die Tiere
  4. Ein gesünderes, trainiertes Immunsystem (siehe oben)
  5. Geringere Belastung der Böden mit Parasiten
  6. Durch dieses Verfahren sieht man genau, welches Kaninchen welche Wurmproblematik hat und wie oft welches Kaninchen überhaupt entwurmt werden muss.
  7. Geringere Umweltgefährdung durch weniger ausgeschiedene Medikamente
  8. Besser geeignetes Konzept für größere Gruppen/Bestände

„Entwurmen Sie nur, wenn es wirklich nötig ist, und testen Sie, welche Wurmkur tatsächlich wirkt. Mit diesem Mittel entwurmen Sie bei Bedarf weiter und wechseln nicht einfach im folgenden Jahr den Wirkstoff“, sagt
Dr. Anne Becher, Tierärztin

Mikroskop-Foto rechts: Fourrure

Vorbeugende Maßnahmen

Hygiene, Gesundheit, Stress

Neben der selektiven Prophylaxe ist es sehr wichtig, die Hygiene entsprechend gut aufrecht zu erhalten. Würmer können sich niemals nur im Körper voll entwickeln, sie durchlaufen ausnahmslos auch immer Entwicklungsstadien außerhalb des Körpers. Durch gute Hygiene und wenig Kontakt des Futters mit dem Kot, kann man diesen Kreislauf durchbrechen.

„Tiere in Außenhaltung werden mehr mit Parasiten Kontakt haben als bei Innenhaltung. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie mit einem bestimmten “Level” an Parasiten aber durchaus selbst fertig werden. Dies hängt zu einem großen Teil auch von der gesundheitlichen Verfassung allgemein und dem Immunsystem ab. Es gibt Tiere, die schreien immer “hier” und andere werden seltener befallen. Deswegen behandle ich die Tiere erst, wenn ein schädliches Ungleichgewicht eintritt, welches dem Tier Beschwerden bereitet. Tiere in Außenhaltung parasitenfrei bekommen zu können halte ich für utopisch.“
Gina Alt

Wer regelmäßig Kotproben abgibt, merkt recht schnell, dass vorrangig gestresste Kaninchen und solche, die von anderen Krankheiten befallen sind, mit Parasiten kämpfen.

Deshalb ist es sehr wichtig, die Tiere gesund zu halten (Krankheiten behandeln!) und Stress zu vermeiden. Bei Krankheiten sollte immer daran gedacht werden, dass durch das überforderte Immunsystem die Parasiten freie Bahn haben und sich stark vermehren. Deshalb sollten sie ggf. mitbehandelt werden.

Um Stress zu vermeiden, ist es sinnvoll darauf zu achten, dass die Gruppenzusammensetzung sehr harmonisch ist. Häufige Zusammenführungen und Rangordnungsklärungen durch die Herausnahme eines Kaninchens oder die Aufnahme von Tieren ist ebenfalls ein extremer Stressfaktor.

“Eine völlige Liquidierung der Kokzidien ist nicht beabsichtigt, weil sich nur im Gefolge ständiger subklinischer Infektionen eine Präimmunität ausbilden kann, die ihrerseits die durch entsprechende andere Maßnahmen zu hebende Widerstandskraft der Wirtstiere (Kaninchen) steigert. Angestrebt ist eine parasitenarme Aufzucht und Haltung, die massiven Kokzidioseausbrüchen vorbeugt.”
Kötsche/Gottschalk: “Krankheiten der Kaninchen und Hasen,”

Wurmfeindliche Ernährung bzw. Präparate

Viele Nahrungsmittel machen es den Würmern schwer, so dass sich diese kaum ansiedeln. Eine entsprechende Ernährung kann wiederholte Wurmbefälle vermeiden. Hier finden Sie Infos zu Lebensmitteln, die wurmfeindlich fungieren: Würmer behandeln beim Kaninchen

Ebenso kann es sinnvoll sein, mit Oreganoöl Parasiten (Kokzidien, Würmer) vorzubeugen. Wir geben regelmäßig etwas Organoöl über Haferflocken oder etwas anderes, das gerne gefressen wird. Seit dem hatten wir keine Kokzidien oder Würmer mehr im Kot. Auch bei Notkaninchen, die oft mit Darmparasiten kommen, sind nach der Gabe des Öls die Kotproben in der Regel sauber: Mehr Infos dazu

 

2 Antworten zu “Selektive Entwurmung beim Kaninchen”

  1. Maria Theodoridis sagt:

    Hallo Liebes Kaninchenwiesen- Team,

    bei einem meinem Kaninchen habe ich o,2 cm große Würmer gesehen ( sahen weiß aus). Auch beobachte ich bei Ihm das er immer wieder Kotketten ausscheidet.
    Jetzt bin ich beim überlegen ob ich zuerst zum Tierarzt gehen soll oder zuerst mit ganzheitlichen Mitteln versuchen sollte.
    Da ich insgesamt vier Kaninchen habe muss ich mich ja um alle vier kümmern.
    Haben Sie mit einen Rat?

    Mit freundlichen Grüßen
    Maria Theodoridis

    • Hallo Maria,
      wenn der Wurmbefall schon sehr stark ist, kann es sein, dass nur ein Mittel vom Tierarzt diese beseitigt, oft kann man sie aber stark reduzieren. Du könntest wurmfeindliche Kräuter über mehrere Wochen verfüttern, ggf. auch noch „Aniforte Wurmformel“ zusätzlich. Sollte er allerdings Symptome bekommen (Durchfall, Abmagerung…) dann würde ich auf jeden Fall die chemische Entwurmung wählen.
      Liebe Grüße
      Viola

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.