Störungen der Schilddrüsenhormone beim Kaninchen

Euthyroid-Sick-Syndrom (ESS) und Schilldrüsenerkrankungen

Die Schilddrüse produziert Hormone und beeinflusst dadurch den Körper des Kaninchen vielschichtig, sie wirkt sich u.a. auf den Stoffwechsel, den Kreislauf und das Wachstum des Tieres aus. Werden zu viele oder zu wenig Hormone produziert, hat dies Folgen für die Gesundheit.

Zu den Schilddrüsenhormonen zählt man vor allem:
Thyroxin (T4, Transportform) und Triiodthyronin (T3, biologisch aktive Form)

Symptome

Zu wenig Schilddrüsenhormone (Schilddrüsenunterfunktion oder Erniedrigung durch andere Erkrankungen)

  • Übergewicht, das sich nicht durch Nahrungsangebot/Diät beeinflussen lässt
  • Teilnahmslosigkeit, verminderte Aktivität, erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Haarausfall, Kahlstellen
  • Verstopfung, Darmabschnittsverschluss (Ileus), Megacolon
  • verlangsamter Herzschlag, veränderter Blutdruck

Zu viel Schilddrüsenhormone (Überfunktion): Extrem selten (z.B. durch Schilddrüsenkrebs)

  • Untergewicht trotz gutem Appetit
  • Unruhe
  • Schneller Herzschlag

Diagnostik und Therapie

Schilddrüsenerkrankungen beim Kaninchen sind bisher wenig erforscht und in der Literatur kaum angegeben. Erschwerend kommt hinzu, dass nur der T4 Wert im Blut bei Kaninchen bestimmt werden kann, alle anderen (bei Hunden und Katzen gängigen) Schilddrüsenwerte, werden für Kaninchen bisher nicht angeboten.

Der T4 Wert kann erste Anhaltspunkte bei extrem abgemagerten oder adipösen Tieren geben, ist jedoch kein endgültiges Mittel zur Diagnose. Studien zu Referenzwerten fehlen bisher gänzlich, in einer Studie wurde beim gesunden Kaninchen ein Referenzwert für T4 zwischen 0,65-2,85 µg/dl [entspricht 8,4-36,7 mmol/L] festgestellt. Allerdings ist bekannt, dass die Referenzwerte für Schilddrüsenhormone von Labor zu Labor stark schwanken, deshalb sollten die laboreigenen Werte bevorzugt angewendet werden.

Sich nur auf den T4-Wert zu verlassen, wäre unzureichend. Da die Studienlage nicht sehr gut ist und über den T4 Wert die Labore keine Werte für Kaninchen anbieten, sollte beispielsweise bei Verdacht auf eine Schilddrüsenunterfunktion oder das Euthyroid-Sick-Syndrom bei adipösen Tieren sämtliche Diätmaßnahmen durchgeführt und Ursachen abgeklärt werden, ehe an einen Versuch einer medikamentösen Therapie gedacht wird.

Als Medikation kann Euthyrox (zu Beginn 10-20 µg/kg) eingesetzt werden. Außerdem müssen während der medikamentösen Behandlung ständige Kontrolluntersuchungen dieses Wertes erfolgen und wir empfehlen auch das Tier generell in regelmäßigen Abständen einer tierärztliche Kontrolle zu unterziehen und weitere Tests durchzuführen. Die Medikamente müssen durch regelmäßige Untersuchungen des T4 Wertes entsprechend angepasst werden.

Von Schilddrüsenerkrankungen abzugrenzen gilt es das  Euthyroid-Sick-Syndrom (ESS, nonthyroidal Illness Syndrome), dabei kommt es durch andere (nichtthyreoidale) Krankheiten  (eine Studie weißt es für Frakturen, obstruktivem Ileus, Zahnerkrankungen oder Harnwegserkrankungen nach, aber auch andere Erkrankungen sind ggf. ursächlich) oder Medikamentengaben (vorübergehend) zu einem starken Abfall des T4 Hormons. Dieses ist beim Kaninchen sehr häufig, z.B. hat das Kaninchen eine schwere Grunderkrankung (unentdeckte Tumore etc.) und dadurch einen sehr niedrigen T4-Wert.

In Fachkreisen ist umstritten, wie viele Kaninchen, bei denen man von einer Schilddrüsenerkrankung ausgeht, eigentlich am Euthyroid-Sick-Syndrom leiden. Bei diesen Tieren scheint allerdings die Behandlung mit Euthyrox ebenfalls anzuschlagen und zu einer Gewichtsreduktion zu führen. Ob die medikamentöse Therapie sinnvoll ist, ist umstritten. Zumindest sollte die Grunderkrankung herausgefunden und behandelt werden.

Auch Futtermittel können einen Einfluss auf die Schilddrüsenhormone haben. Die einseitige Ernährung mit Kreuzblütlern (z. B. jede Art von Kohl wie z.B. Wirsing, Brokkoli und Grünkohl, aber auch Radieschengrün, Rettichgrün…). Die in den Pflanzen beinhaltenden Stoffe können die Aufnahme von Jod einschränken, dadurch kommt es zu einer reduzierten T4 Konzentration.

Beispiel Maya

Symptome: Übergewicht (3,1 kg), das durch mehrere Diäten nicht weg ging, Trägheit, wunde Läufe (Folge von Übergewicht und Trägheit), Haarausfall, Aggressivität, T4 bei 0,2 µg/dl

Behandlung: Medikamentöse Behandlung mit Euthyrox, das erst zu hoch angesetzt wurde, dadurch zitterte Maya sehr stark. Die Dosierung wurde sofort um die Hälfte gesenkt. Bei richtiger Dosierung kam es dann zu einem Gewichtsverlust (500g), die Sohlengeschwüre heilten ab, Maya wurde fitter, T4 Wert bei 0,8 µg/dl und später 0,5 µg/dl.  Bei einer weiteren Blutuntersuchung während einer Operation war eine Überfunktion mit T4 Wert 1,9 µg/dl festzustellen, dieser wurde evtl. durch andere Faktoren beeinflusst.

Für Maya kam die Behandlung recht spät und die Folgen waren leider schon da, aber dennoch ein Neustart im Leben auf ihre alten Tage, die sie nun fitter und schmerzfreier genießen kann.

Update: In der Pathologie wurde bei Maya ein Lymphom festgestellt, was wohl für die niedrigen T4 Werte verantwortlich war.

Quellen u.a.:

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