Kieferabszesse sind leider eine häufige Erkrankung beim Kaninchen. Die Behandlung ist recht kompliziert, richtig durchgeführt können kaninchenkundige Tierärzte aber oftmals die Abszesse heilen.

Symptome

Eitriger Nasenausfluss muss grundsätzlich durch ein CT, MRT oder Röntgen in mehreren Ebenen abgeklärt werden. Dieses Kaninchen hat trotz ungestörten Allgemeinbefinden einen Oberkieferabszess.

Meist treten nur eines oder zwei der aufgeführten Symptome auf.

  • Abszesse im Unterkiefer sind meistens gut tastbar oder sichtbar (Umfangsvermehrungen/Verdickungen)
  • Abszesse im Oberkiefer machen sich oft durch eitrigen Nasen- oder normalen Augenausfluss (der Abszess bricht in die Nasenhöhle ein) oder Ohrenentzündungen (die oft unentdeckt bleiben) bemerkbar. Teils tritt auch das Auge etwas hervor, so dass eine Asymmetrie des Gesichts entsteht. Es kann sogar zu leichten Atemproblemen kommen, wenn die Nase mit Eiter verstopft ist.
  • Manche Kaninchen fressen selektiv weiche Bestandteile, weniger als zuvor oder stellen die Nahrungsaufnahme komplett ein.
  • Oftmals ist eine einseitige Abnutzung der Zähne beim Tierarzt aufgefallen, da einseitig gekaut wurde um die schmerzhafte Seite zu schonen.
  • Manche Kaninchen speicheln (nasses Kinn).

Ursachen

Kieferabszess durch Zähneknipsen

Die häufigste Ursache für Kieferabszesse ist eine Infektion der Zahnwurzeln, diese werden ausgelöst durch:

Oder aber durch eine Infektion im Unterhautgewebe, diese wird oft ausgelöst durch:

  • Verletzungen durch Zahnspitzen (Zahnerkrankung durch ungenügenden Abrieb),
  • Scharfe Gegenstände
  • Bissverletzungen (Rangordnungskämpfe…) oder
  • Fremdkörper im Futter
  • Kaninchen mit Zahnerkrankungen können Dornen oder andere Futterbestandteile zwischen die Zähne bekommen, für gesunde Kaninchen sind diese Bestandteile unbedenklich.

Sehr viele aerobe und anaerobe Bakterien sind als Ursache für Abszesse denkbar. Nachgewiesen wurden bisher unterschiedlichste Erreger, u.a. Pasteurella, Staphylococcus, Pseudomonas, Pasteurella multocida und Escherichia coli.

Schematische Darstellung des Tränennasenkanals. Diese erklärt, warum Zahnerkrankungen wie z.B. retrogrades Zahnwachstum den Tränenkanal betreffen, der an zwei Stellen direkt an den wurzeloffenen Zähnen verläuft.

Durch die Zahnerkrankung oder Fremdkörper entsteht eine Infektion, in deren Verlauf auch Eiter entsteht. Da das Kaninchen die Flüssigkeit aus dem Eiter resorbiert, entsteht ein dickflüssiger, zäher weißer Eiter, der auch beim Öffnen des Abszesses nicht einfach abläuft. Dies ist der Grund, warum Kaninchen-Abszesse besonders hartnäckig sind. Viele Abszesse wachsen sehr langsam unentdeckt und sind im Anfangsstadium nicht unbedingt schmerzhaft. Der Eiter frisst sich jedoch nach und nach weiter und gerade weil Kieferabszesse im Kopfbereich sind, erreicht der Abszess oft sehr schnell Regionen, die für wichtige Funktionen nötig sind (Ohrenentzündung, Nerven, Atemwege…) oder befällt den Kieferknochen.

Diagnose

Neben Kieferabszessen sind auch Tumoren oder Knochenzysten als Ursache für Gesichtsschwellungen denkbar.

Die Diagnose erfolgt je nach dem wo der Abszess sitzt

CT: Abszesshöhle im Oberkiefer, ausgehend vom ersten Backenzahn, der entfernt wurde.

  • durch das gründliche Abtasten des Kopfes und Abszesses (ist er abgrenzbar?) und
  • eine Untersuchung des Maulraums (verfärbte, wackelige Zähne, Austritt von Eiter nach Druck auf den Abszess), auch durch
  • Punktion mit einer Nadel (ist Eiter enthalten?) sowie
  • mittels Kopfröntgen (in mehreren Ebenen), besonders gut positionierte laterale und dorsoventrale Aufnahmen und
  • Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) um Ausmaß des Abszesses und die Behandlungschancen, sowie die zielführende Behandlungsmethode und die Ursache (Zahnerkrankung? Welche Zähne müssen entfernt werden?) abzuklären.

Wenn Ihr Kaninchen eitrigen oder einseitigen Nasenausfluss hat, oder aber eine Umfangsvermehrung im Bereich des Kiefers, sollte Ihr Tierarzt selbständig Röntgen aus min. zwei verschiedenen Positionen (2 Ebenen) vorschlagen, oder andere bildgebende Diagnostik (MRT, CT). Ist dies nicht der Fall, so sollten Sie unbedingt zu einem kaninchenkundigen Zahntierarzt wechseln!

Nur so lässt sich nachher die  Behandlung erfolgreich durchführen. Der Tierarzt kann beispielsweise in der bildgebenden Diagnostik sehen, welche Zähne die Verursacher sind und wie weit der Abszess ausgedeht ist, sowie ob er bereits zu einer Infektion der Mittel- und Innenohren geführt hat und wie stark der Kieferknochen befallen ist. Ohne bildgebende Diagnostik kann kein Tierarzt diese Angaben machen!
Leider gibt es immer noch Tierärzte, die nicht röntgen und den Abszess behandeln, ohne die genaue Ausdehnung, Ursache und Folgeerkrankungen abzuklären. Dadurch kommt es immer wieder zu Fällen, die Monate lange kostenaufwändig behandelt werden, bei denen der Abszess jedoch immer wieder kommt. Diese Tiere müssen dann oftmals nach einem langen Leidesweg erlöst werden. Dies hätte durch einfache Diagnostik und eine fachkundige Behandlung von Anfang an vermieden werden können.

Behandlung

Prognose

Die Erfolgsaussichten sind im Einzelfall von diesen Faktoren abhängig:

  • Wie kaninchenkundig, auf Zahnmedizin spezialisiert und erfahren ist der Tierarzt?
  • Wo genau sitzt der Abszess? Manche Bereiche sind schwerer zugänglich als andere. Im Unterkiefer wird die Abszesshöhle mehr durch Nahrung verschmutzt als im Oberkiefer.
  • Wie schlimm/gut sind die restlichen Zähne des Kaninchens? Hat es gute Zähne oder eine starke Zahnfehlstellung? Ist die nicht betroffene Kieferseite intakt, so dass es dort nach der OP kauen kann?
  • Wie viele Zähne sind vom Abszess betroffen?
  • Ist bereits Knochen betroffen/aufgelöst und wenn ja wo und wie viel?
  • Operationstechnik: Wurde das gesamte infizierte Gewebe entfernt und die Ursache behoben (Zähne extrahiert)?
  • Lässt der Besitzer die nötige Diagnostik, Behandlungen und (auch wiederholte) Operationen durchführen?
  • Charakter des Kaninchen: Fängt es wieder schnell an zu fressen und lässt sich die Medikamente geben?
  • Versorgung nach der Operation: Wird das Kaninchen intensiv betreut, zugefüttert, mit Medikamenten versorgt und attraktives Futter angeboten, so dass es schnell zu fressen beginnt? Ist der Besitzer bereit, Antibiotika zu spritzen?

Behandlungsmöglichkeiten

  • Konservative Behandlung mit Antibiotika und Schmerzmittel (ohne Operation): Nur in Einzelfällen sinnvoll wenn das Kaninchen sehr gut frisst und der Kieferabszess eine reale Chance auf Heilung hat (da z.B. keine Zähne oder Ähnliches als Ursache festzustellen sind). Meistens breitet sich jedoch der Eiter weiter aus und das Tier muss schlussendlich euthanasiert werden. Nur in seltenen Fällen schrumpft der Abszess zusammen und kapselt sich ab. Diese Therapie wird oft bei Kaninchen im hohen Alter verwendet, die keine Operation überstehen würden, oder aber bei Haltern, die keinen erfahrenen Chirurgen in der Nähe haben.
  • Chirurgische Behandlung: Bei dieser Behandlugsform ist ein erfahrener Tierarzt mit sehr guten zahnmedizinischen und chirurgischen Kenntnissen von Vorteil. Dabei wird die Abszesshöhle geöffnet und der dickflüssige Eiter heraus gelöffelt oder gespült. Bei einer genauen Untersuchung des Abszesses können auch beteiligte Zähne gezogen oder Fremdkörper entfernt werden. Auch das gesamte infizierte Gewebe und nach Möglichkeit die komplette Abszesskapsel sollten entfernt werden. Anschließend wird der Abszess mit Manuka Honig, Antibiotika oder Leukase-Kegel gefüllt. Auch ein mit Gentamicin (Antibiotika) getränktes Septocollvlies oder Kollagenschwamm wird in manchen Fällen angewendet. Normalerweise sollte ein Zugang zur Abszesshöhle nach der Operation offen gelassen werden, so dass eine Kontrolle  oder Behandlungen mit Manuka-Honig und Antibiotika weiterhin möglich sind, in manchen Fällen wird der Abszess aber auch verschlossen. Spülungen werden nicht empfohlen, da sie Erreger weiter ins Gewebe treiben und Fisteln offen halten können.
    Komplikationen/Folgen: Blutungen/Blutverlust, Verunreinigungen durch die Öffnung zum Mund (an der Stelle, an der der Zahn gezogen wurde), Kieferbruch bei bereits angegriffenen Knochen, Wiederauftreten des Abszesses, mangelnder Abrieb der gegenüberliegenden Zähne (bei einzelnen entfernten Zähnen nicht zu befürchten), Komplikationen der Narkose.
    Die Versorgung nach der Operation sollte sichergestellt werden (siehe weiter unten).

Welche Antibiotika?

Die Wahl des richtigen Antibiotikums ist bei der Behandlung von Kieferabszessen entscheidend. Für Kaninchen zugelassen ist nur der Wirkstoff Enrofloxacin, der jedoch bei Abszessen im Vergleich zu anderen Antibiotika nicht  gut wirksam ist. Deshalb müssen für die Behandlung andere Antibiotika umgewidmet werden. Am besten wird ein Antibiogramm erstellt, wobei sensible Antibiotika nicht grundsätzlich wirksam sind, da sie teils nicht zu der Stelle, an der sie benötigt werden, vordringen (siehe Auflistung unten). Die Probe für das Antibiogramm wird nicht im Eiter entnommen, dort finden sich meist nur nicht vermehrungsfähige Erreger, sondern in Randbereichen, die beim Ausschaben bluten.

Geeignete Antibiotika zur Behandlung von Kieferabszessen:

  • Penicilline (niemals oral, nur gespritzt): z.B. Amoxicillin (Duphamox 15 mg / kg einmal täglich), Streptomycin (früher: Veracin, ist momentan nicht verfügbar). Nur anwendbar, wenn das Kaninchen gut frisst.
  • Cefalexin: Cobaxim, Rilexine (10-15 mg / kg zwei bis dreimal täglich gespritzt oder oral, bzw. 20 mg / kg einmal täglich gespritzt)
  • Oxytetracyclin (möglichst gespritzt) (20-25 mg / kg einmal täglich)
  • Metronidazol: diverse Mittel (20mg / kg 2x tägl. oder 40 mg / kg zweimal täglich oral)
  • Sichere orale Antibiotika sind Enrofloxacin z.B. Baytril (10 mg / kg zweimal täglich), Marbofloxacin z.B. Marbocyl (10 mg / kg einmal täglich) , Trimethoprim / Sulfadiazin, z.B. Cotrim K  (40 mg / kg zweimal täglich), Doxycyclin (2,5 mg / kg zweimal täglich), diese sind jedoch weniger wirksam als parenterale Penicilline. Sulfanomide sind ungeeignet, da sie durch Eiter inaktiv werden.

Unterstützende Maßnahmen und Pflege

  • Bei der Behandlung von Kieferabszessen ist es entscheidend, ein sehr großes Nahrungsangebot rund um die Uhr anzubieten. Dabei sollte sowohl verschiedenes schmackhaftes Grünfutter (Endiviensalat, Möhrengrün, Kohlrabiblätter, Klee, Löwenzahn…), als auch Futter das kaum gekaut werden muss (eingeweichtes Cuni Complete aus der Zoohandlung) angeboten werden.
  • Die Medikamente müssen absolut zuverlässig gereicht werden. Der Halter sollte bereit sein, das Spritzen von Medikamenten zu erlernen, so können sehr gut wirksame Penicilline eingesetzt werden. Das Tier braucht hoch dosiertes Schmerzmittel (Achtung! Bei Kaninchen werden diese höher dosiert als bei Hund und Katze!) damit es zu fressen anfängt. Wie Medikamente schonend eingegeben werden, erfahrt ihr hier.
  • Lassen Sie alle nötigen Operationen durchführen, suchen Sie einen spezialisierten Tierarzt auf und lassen den Abszess genau diagnostizieren (Kopfröntgen aus zwei versch. Positionen, CT oder MRT!).
  • Versorgung nach der Operation: Ruhige Umgebung, intentive Betreuung mit Zufütterung von Breinahrung und ausreichender Schmerzmittel- und Antibiotikagabe. Es sollte ein breites Nahrungsangebot geschaffen werden, u.a. Lieblingsfutter, verlockendes blättriges Grünfutter (Möhrengrün, Löwenzahn, Kohlrabiblätter, Klee, Luzerne, Gras…), eingeweichtes Trockenfutter (z.B. Cuni Complete).
  • Das Kaninchen kann mit entzündungshemmenden Nahrungsmitteln unterstützt werden, dafür eignet sich Rettich, Meerrettich, Kapuzinerkresse, Ingwer und Kresse. Da diese Futtermittel eine schlechte Akzeptanz haben, können sie mit Lieblingsfutter gemischt werden.
  • Wird der Abszess nicht genau diagnostiziert und operiert, so dehnt er sich im Kopfbereich weiter aus. Kaninchen zeigen oftmals die auftretenden Schmerzen nicht, so dass der Halter von keiner Verschlechterung ausgeht. Wird jedoch nur mit Antibiotika, ohne Operation behandelt, muss engmaschig der Behandlungserfolg mit Röntgendiagnostik überprüft werden, damit das Kaninchen nicht leidet!

Fotos: Erfolgreiche Behandlung

  

Quellen/Weiterführend:

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Gabriel, S. (2016): Molarenextraktion bei Heimtieren–Indikation und Technik. kleintier konkret, 19(S 02), 18-22.
Gabriel S. (2016): Praxisbuch Zahnmedizin beim Heimtier. Stuttgart: Enke
Glöckner, B. (2002): Untersuchungen zur Ätiologie und Behandlung von Zahn-und Kiefererkrankungen beim Heimtierkaninchen (Doctoral dissertation, Freie Universität Berlin, Universitätsbibliothek).
Göbel, T., & Macha, M. (2008): Dosierungstabellen für Nagetiere und Kaninchen. kleintier konkret, 11(03), 22-27.
Harcout-Brown, F. (2009). Dental disease in pet rabbits 3. Jaw abscesses. In practice, 31(10), 496-505.
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Kraft, W., Emmerich, I. U., & Hein, J. (2012): Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei Kleinnagern, Kaninchen und Frettchen. Schattauer Verlag.
Medirabbit: Sichere Antibiotika für Kaninchen. [http://www.medirabbit.com/GE/Safe_medication/Antibiotics/sichere_antibio_ge.htm, 8.12.17]