Kaninchen richtig hochnehmen und tragen

Ihren Ruf als pflegeleichte Kuscheltiere werden Kaninchen nicht gerecht, denn sie mögen es nicht, angehoben zu werden. Verliert ein Kaninchen plötzlich den Boden unter den Füßen, oder wird es an einem Körperteil gepackt und hochgezogen (Hautfalte, Ohren, Bein…), so bekommt es Todesangst! In der Natur haben Kaninchen immer Boden unter den Füßen. Nur, wenn sie erbeutet werden, verlieren sie diesen (Greifvogeleffekt). Daher ist fehlender Halt an den Füßen immer mit Todesangst verbunden! Erbeutete Kaninchen fallen in Angststarre oder zappeln stark, in der Hoffnung, fallen gelassen zu werden.

Wenn die Kaninchen schon sehr zahm sind und Vertrauen gefasst haben (sich streicheln lassen, nicht weg laufen usw.), ist es oft möglich das Hochheben zu üben und sie daran zu gewöhnen. Zu erst sollte jedoch das Vertrauen vorhanden sein.

Achtung: Kinder sollten von Anfang an lernen, dass nur Erwachsene die Kaninchen anheben dürfen. Es passieren immer noch sehr häufig Unfälle, bei denen Tiere erdrückt oder fallen gelassen werden. Zudem führen unsachgemäße Griffe zu Abwehrbewegungen, bei denen durch starkes Zappeln die Unterarme des Kindes zerkratzt werden können und die Kaninchen sich Wirbelsäulenverletzungen zuziehen. Kein Kind möchte in so jungen Jahren bereits die Last tragen, dass es „sein Kaninchen verletzt oder umgebracht“ hat.

Wann werden Kaninchen hochgenommen?

Das Kaninchen wird grundsätzlich nur hochgenommen, wenn es unbedingt notwendig ist (wegen Krankheit, Tierarztbesuch, um etwas Auffälliges genau zu untersuchen etc.!). Zum Streicheln und zur Fellpflege setzt man sich zum Kaninchen ins Gehege und nimmt es nicht hoch. Siehe Kaninchen zähmen

Kaninchen „einfangen“

Sperren Sie einen übersichtlichen Bereich mit Gehegegittern ab, wenn Sie ein scheues Kaninchen fangen möchten.

Scheue Kaninchen einfangen

  • Nähern Sie sich ruhig und unauffällig Ihrem Kaninchen. Wenn Sie sehr nah bei ihm sind, dann nutzen Sie den Überraschungsmoment und fangen es mit einem zielgerichteten Griff.
  • Sollte es Sie gar nicht an sich heranlassen, so sperren Sie einen Bereich des Geheges mit Gehegegittern ab (vor allem die verwinkelten Bereiche) und treiben es in eine Ecke oder einen Unterschlupf. Wenn es in die Enge getrieben wurde, nehmen Sie es schnell und mit einem treffsicheren Griff hoch.
  • Alternativ können Sie es mit Futter in einen Stall oder eine Box locken und dann einsperren, bevor sie es hochheben.
  • Ebenfalls ist es möglich, blitzschnell ein Handtuch oder eine Decke über das Kaninchen zu werfen. Das funktioniert jedoch nur, wenn es Sie relativ nah heranlässt.

Zahme Kaninchen einfangen

Nähern Sie sich vorsichtig Ihren Kaninchen, streicheln Sie es sanft und intensiv und legen Sie dann schnell Ihre Hände an die richtigen Stellen um es zu fixieren oder hoch zu heben.

Die Fixier-Griffe

Nacken-Griff

Um das Kaninchen zu fixieren, kann in Ausnahmefällen der Griff in den Nacken verwendet werden. Allerdings wirklich nur in Ausnahmefällen bei extrem schwierigen Kaninchen und wohl gemerkt nur als Fixierung durch den Griff einer großen Hautfalte (beherzt zugreifen, aber nicht so, dass Druckstellen entstehen) nur wenige Millimeter vom Ohrenansatz entfernt, also unter den (angelegten) Ohren.

Niemals darf das Kaninchen im Nacken hochgehoben werden (auch nicht, wenn die andere Hand unter dem Hinterteil stützend wirkt)! Das Hochziehen eines 1,5-8kg schweren Körpers an einer Hautfalte ist extrem schmerzhaft und führt zu Blutergüssen.

Halsband-Griff

Schmerzfreier ist ein anderer Griff, bei dem mittels der beiden
Zeigefinger und Daumen ein Halsband um den Hals der Kaninchen geschlossen wird und die anderen Finger um den Bauch herum ein Band bilden. Dieser Griff fixiert genauso gut und schmerzfrei. Auf dem Foto oben ist der Griff durch die Wamme etwas verdeckt.

Weitere Fotos
> Fixier-Griff

Handtuch

Bei sehr unruhigen, ängstlichen oder geschockten Kaninchen legt man am besten erst ein Handtuch über das Tier und nimmt es dann mit dem Handtuch hoch. Unter dem Handtuch sehen die Kaninchen nichts, kommen daher zur Ruhe und lassen sich sehr gut hochnehmen. Ein großes Handtuch lässt sich auch aus etwas Entfernung über das Kaninchen werfen, sodass es sitzen bleibt.

Das Abdecken der Augen zur Ruhigstellung der Kaninchen.

Augen zu

Das Abdecken der Augen führt beim „Augentier“ Kaninchen zu einer absoluten Ruhigstellung und ist deshalb ebenfalls als Fixiergriff geeignet. Gleichzeitig sollte eine Hand hinter das Hinterteil gehalten werden, denn die Kaninchen laufen mit verdeckten Augen automatisch rückwärts um zu entkommen.

Vago-vagaler Reflex

Das Streicheln an der Stirn löst beim Kaninchen den Vago-Vagalen Reflex aus.

Durch Streicheln zwischen den Augen lassen sich Kaninchen beruhigen.

„Bei Kaninchen kann ein vago-vagaler Reflex ausgelöst werden, indem man mit einem Finger für einige Minuten Druck auf das frontale Schädeldach zwischen den Augen ausübt. Dadurch lassen sich Herzfrequenz und Blutdruck senken. Die Tiere werden ruhig und kleinere, nicht inversive Eingriffe, wie radiologische Untersuchungen, können durchgeführt werden.“

Quelle: Baumgartner, W. (Hrsg.) Klinische Propädeutik der inneren Krankheiten und Hautkrankheiten der Haus- und Heimtiere, 6. komplett überarbeitete und erweiterte Auflage Parey 2005

Der richtige Griff zum Hochnehmen und Halten

Scheue Kaninchen können recht einfach in einem Gegenstand angehoben werden.
Viele Kaninchen gehen freiwillig in die Transportbox, wenn man ihnen dort Futter anbietet, oder sie den neuen Gegenstand erkunden möchten.

Transportbox-Methode (auch für Anfänger problemlos)

Das Kaninchen wird in eine Transportbox gelotst, deren Oberteil man problemlos abnehmen kann. Alternativ eignet sich auch ein Karton. Der Karton oder die Box kann dann problemlos hochgehoben werden.

Natürlich kann man die Kaninchen auch in andere Gegenstände treiben, z.B. in Röhren oder Unterschlüpfe, und diese dann anheben und so an die Box halten, dass sie dort hineingehen.

Standard-Methode

Nachdem man das Kaninchen fixiert hat (siehe oben), wird eine Hand unter die Vorderpfoten geschoben, dabei liegt sie entweder hinter den Vorderbeinen, oder ein paar Finger vor und die anderen hinter den Vorderbeinen. Die andere Hand greift ruhig von hinten unter das Hinterteil. Anschließend wird das Kaninchen ohne Zeitverzug körpernah fixiert (siehe weiter unten).

Weitere Fotos:
Foto des Griffes

Schalen-Griff

zur Entnahme aus einem Unterschlupf oder einer Transportbox

Dieser Griff eignet sich, wenn das Kaninchen aus einer Schutzhütte oder der Transportbox geholt werden soll. Dazu legt man eine Hand links und eine rechts des Kaninchens und schiebt sie unter das Tier, sodass anschließend das Tier wie in einer Handflächen-Schale eingeklemmt zwischen den beiden Armen sitzt.

Bei sehr zappeligen Kaninchen kann man ein Tuch über das Kaninchen legen, bevor man es hoch nimmt. So sieht es nichts und kann nicht zappeln oder kratzen, wenn es hochgehoben wird. Nach dem Hochheben kann man den Kopf des Kaninchens zwischen Arm und Oberkörper legen und den Körper entlang des eigenen Körpers. So fühlen sich gerade ängstliche Kaninchen sicher. Hinweis: Wenn die Kaninchen nicht extrem ruhig sind, sollte der Kopf immer zum Körper zeigen und die Hände die Hinterbeine fixieren.

Weitere Fotos:
Foto des Griffes

Das Kaninchen wird zwischen Oberkörper und Arm geklemmt. Die Hand fixiert die Vorderbeine, die Hintergrliedmaßen hängen nach hinten in der Luft.

Unter den Arm klemmen

Bei dieser Methode wird das Kaninchen recht einfach unter den Arm geklemmt. Sie eignet sich vor allem, wenn das Kaninchen von erhöhten Gegenständen genommen wird, z.B. vom Behandlungstisch oder von einer Etage. Der Arm wird entlang der Seite gelegt, dabei werden die Vorderläufe festgehalten und das Tier an den Oberkörper des Menschen gedrückt. Bei extrem scheuen Kaninchen kann zusätzlich eine Fixierung im Nacken erfolgen (nur die Hand in den Nacken legen, nicht daran hoch ziehen).

Das Kaninchen zappelt?

Viele Kaninchen fangen an, heftig zu zappeln wenn sie hochgehoben werden. Das ist ganz normal! In diesem Moment ist es wichtig, das Kaninchen sicher und richtig festzuhalten und nicht los zu lassen (Verletzungsgefahr!). Das Kaninchen hört meist nach kurzer Zeit mit dem Zappeln automatisch auf. Das Zappeln dient dazu, einen Beutegreifer abzuschütteln bzw. ihn zu irritieren und somit zu entkommen.
Kaninchen die mehrmals die Erfahrung gemacht haben, dass das Zappeln beim Hochheben nichts bringt und sich an das Tragen gewöhnt haben, zappeln meist mit der Zeit seltener. Ein Kaninchen das zunächst ruhig hält und plötzlich wieder zappelt, möchte meist wieder abgesetzt werden. Diesem Wunsch sollte man nach Möglichkeit nachkommen.

Richtiges Halten und Tragen

Hat man das Kaninchen hochgehoben, so muss es auch gehalten werden. Hier sehen Sie einige Möglichkeiten.
Wichtig: Kaninchen müssen immer körpernah fixiert werden!

Falsche Griffe

Leider sind immer noch Griffe etabliert, welche für das Kaninchen mit Schmerzen einhergehen. Jegliche Griffe, bei denen das Tier an irgendeinem Körperteil festgehalten und hochgezogen wird (Ohrengriff, Nackengriff…) oder den Halt unter den Füßen verliert, ist ungeeignet!

„Im Umgang mit dem Kaninchen können Fehler gemacht werden, die ein scheinbar aggressives Verhalten des Tieres nach sich ziehen. Zum einen können durch falsches Festhalten Schmerzen entstehen, denen das Tier entkommen möchte. Durch Ausschlagen und ruckartige Drehbewegungen fügt es sich dabei unter Umständen weitere Schmerzen zu. […] Zum anderen kann durch plötzliches Greifen von oben der Fluchtreflex ausgelöst werden, weil das dem Angriff eines Beutegreifers gleicht. Dies führt beim Anheben des Tieres zu Befreiungsversuchen, die meist mit kräftigen Ausschlagen der Hintergliedmaßen einhergehen. […]
In diesem Zusammenhang ist noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der leider noch vielfach verbreitete Nackengriff genau wie ein Halten an den Ohren absolut abzulehnen und oftmals die Ursache für schwerwiegende Verletzungen von Wirbelsäule und Rückenmark ist!“

Quelle: Barbara Glöckner: Das aggressive Kaninchen. Gründe für Aggressivität, Umgang mit aggressiven Kaninchen und geeignete Gegenmaßnahmen. Tierarzth. kon. 2009; 5(4): 4-8
Das Kaninchen verfällt bei diesem Griff in eine Starre, deshalb sollte er ausnahmslos im Notfall für medizinische Zwecke (Reinigung der Anogenitalregion, Untersuchung) verwendet werden!

Ungeeignete, gefährliche und schmerzhafte Griffe:

Der Nackengriff verursacht Hämatome (Blutergüsse) im Nackenbereich, welche bei Schlachtkaninchen sichtbar werden, wenn man das Fell abzieht. Dadurch ist er immer mit Schmerzen verbunden, diese führen zu einer „Starre“ des Kaninchens. Einige Kaninchen versuchen sich durch Zappeln zu befreien. Abwehrbewegungen des Kaninchen können zudem zu Verletzungen der Wirbelsäule und Hinterbeine führen.

Der Griff an den Ohren geht mit starken Schmerzen einher. Auch wenn Ohren und Nackenfell gleichzeitig fixiert werden, ist er auf Grund der starken Schmerzhaftigkeit als tierschutzwidrig einzustufen.

Kaninchen auf den Rücken zu drehen, so dass sie wie ein Baby daliegen, sollte nur im Notfall angewendet werden, z.B. für seltene Untersuchungen oder medizinische Maßnahmen. Die Kaninchen fallen bei diesem Griff in eine Starre (Freezing) und haben große Angst. Beim „Umdrehen“ können zudem Verletzungen der Wirbelsäule entstehen.

Gerade Kinder greifen Kaninchen häufig einfach mit beiden Armen um den Brustkorb, ohne sie zusätzlich abzustützen. Die Kaninchen zappeln daraufhin und können sich die Wirbelsäule schwer verletzen!

Kaninchen werden nur zahm, wenn sie uns vertrauen. Wenn sie Schmerzen beim Hochnehmen haben, ist jedes Vertrauen zu Nichte und sie lassen sich auch nicht mehr streicheln. Kaninchen verbinden die Schmerzen beim Anheben mit dem Menschen und meiden ihn anschließend!

Quellen u.a.:
Bradbury, A. G., & Dickens, G. J. E. (2016): Appropriate handling of pet rabbits: a literature review. Journal of Small Animal Practice, 57(10), 503-509.
Glöckner, B. (2009): Das aggressive Kaninchen. Gründe für Aggressivität, Umgang mit aggressiven Kaninchen und geeignete Gegenmaßnahmen. Tierarzth kon 2009; 5(4): 4-8 DOI: 10.1055/s-0030-1247845
Hein, J. (2010): Umgang mit Heimtieren in der Praxis. Der Praktische Tierarzt 91(10): 2-4
McBride, E. A. (2017). Small prey species’ behaviour and welfare: implications for veterinary professionals. Journal of Small Animal Practice, 58(8), 423-436.