Sehen (visuelle Wahrnehmung)

Sichtfeld

Kaninchen verfügen auf Grund ihrer hervorstehenden, großen Augen, die sich seitlich am Kopf befinden, über ein sehr großes Sichtfeld. Anders als der Mensch können sie mit gehobenen Kopf ihre Umgebung rundherum wahrnehmen (365 Grad) und nehmen so Feinde aus der Luft oder auch aus der Umgebung, sehr schnell wahr.

Albinokaninchen sind im räumlichen Sehen eingeschränkt.

Das dreidimensionale Sehen (binocular) ist nur vorne und hinten (10% vorne, 9% hinten) möglich. Über der Stirn bzw. direkt vor der Schnauze der Kaninchen befindet sich ein toter Winkel, in dem die Kaninchen nichts wahrnehmen. In diesem Bereich nutzen Kaninchen andere Sinne (Riechen, Tasten). Dies ist der Grund, warum Kaninchen Leckerlis zunächst intensiv beschnüffeln und ertasten, bevor sie davon kosten.

Räumliches Sehen ist jedoch bei Albino-Kaninchen eingeschränkt (eindimensionales Sehen und Sehschwäche), zudem sind sie äußerst lichtsensibel und sollten im Schatten gehalten werden. Einige Albinus leiden unter Nystagmus oder scannen um ihre Umgebung besser wahrzunehmen. Widder (Kaninchen mit Schlappohren) haben durch ihre Hängeohren ein eingeschränktes Sichtfeld (siehe Abbildung) gegenüber Kaninchen mit Stehohren.

Tagsicht und Farbwahrnehmung

Jede Tierart nimmt ihre Umgebung anders wahr. Um uns in unsere Kaninchen hinein zu versetzen, kann es hilfreich sein zu verstehen, wie sie die Welt sehen.

Wie sehen Kaninchen eigentlich die Welt?

Kaninchen sind weitsichtig (0,5-1 Dioptrien), ursächlich ist eine „Hornhautverkrümmung“ (Astigmatismus). Zudem nehmen Kaninchen besonders gut Bewegungen (in der Ferne) wahr. Nahe, unbewegliche Objekte werden schlecht gesehen.

Normalerweise können Tiere und auch der Mensch die Pupille je nach Lichteinfall verengen oder erweitern. Kaninchen ist eine Verengung der Pupille kaum möglich, so dass sie als dämmerungsaktive Tiere sehr lichtsensibel sind. Bei starker Sonneneinstrahlung sehen sie nur sehr schlecht.

Das Auge verfügt über verschiedene Rezeptorzellen, die für die Wahrnehmung zuständig sind. Stäbchen ermöglichen dabei das Sehen verschiedener Grauabstufungen, die Zäpfchen sind für das Farbsehen zuständig. Das Kaninchen verfügt über S-Zapfen, welche violett-blaues Licht sichtbar machen und M-Zapfen, die grünes Licht wahrnehmen. Anders als beim Menschen gibt es keinen Zapfen, der rotes Licht sichtbar macht. Deshalb sehen Kaninchen, vergleichbar mit Menschen, die eine Rot-grün-Schwäche haben, rot und grün in einem Farbton.

Kaninchen können rot und grün nicht unterscheiden und sind leicht weitsichtig. Bewegungen werden dafür extrem gut wahrgenommen.

Nachtsicht

Kaninchen können sich in der Dämmerung und im Dunkeln besser orientieren als der Mensch. Durch die große erweiterte Pupille und besonders lichtsensible Stäbchen nehmen sie ihre Umgebung in der Dämmerung vergleichsweise hell wahr. Dadurch ist eine gute Übersicht möglich. Die Detailsicht ist jedoch eingeschränkt.

Hören (akustische Wahrnehmung)

Kaninchen haben ein ausgezeichnetes Gehör. Sie hören Töne in einem Frequenzbereich zwischen 60-49.000 Herz, der Mensch kann nur Töne zwischen 20-20.000 Herz wahrnehmen. Somit hören Kaninchen sehr hohe Töne, die der Mensch nicht wahrnehmen kann (Ultraschall).

Die Ohrmuschel trägt zur guten Geräuschwahrnehmung beim Kaninchen bei, sie ist frei beweglich und wird vom Kaninchen in die Richtung des Geräusches gedreht, dabei kann das Kaninchen unabhängig von der Kopfbewegung die Ohrmuschel um nahezu 360 Grad (also in alle Richtungen) drehen. Beide Ohrmuscheln können unabhängig voneinander ausgerichtet werden.

Vergleich der Hörschwelle (ab wann hört das Tier? in dB nHL) gesunder Widder-Kaninchen mit gesunden Kaninchen anderer Rassen, aber auch erkrankter Widder-Kaninchen mit erkrankten Kaninchen anderer Rassen (Claaßen 2004)

Je nach Ohrenform können Kaninchen rassetypisch in ihrer akustischen Wahrnehmung eingeschränkt sein. Rassen mit besonders kleinen, ggf. sogar stark behaarten Ohren, nehmen akustische Reize schwächer wahr, als großohrige Kaninchen.

Besonders fatal ist das Hörfeld des Widderkaninchens (Schlappohren), Widder sind Studien zufolge extrem schwerhörig und in Folge von Ohrenetzündungen, die bei bis zu 80% der Widder rassetypisch auftreten, oftmals sogar taub. Siehe Widder-Problematik

Riechen (Olfaktorische  Wahrnehmung)

Das Kaninchen orientiert sich sehr stark über seinen Geruchssinn. Mit über 100 Millionen Riechzellen ist dieser ausgezeichnet ausgeprägt. Es ist dabei je nach Rasse auf einer Ebene mit dem Geruchssinn des Hundes (100-200 Millionen) und des Schweines und riecht etwa fünfmal besser als wir. Als Mensch erschließt es sich kaum, wie man sich über den Geruchssinn so gut orientieren kann, wie es viele Tiere tun. Wenn man sich überlegt, dass Trüffelschweine durch eine dicke Erdschicht hindurch Trüffel erriechen können, kann man sich das Ausmaß besser vorstellen.

Schmecken (Gustatorische Wahrnehmung)

Kaninchen können, wie auch der Mensch, süß, sauer, bitter und salzig wahrnehmen. Sie haben dabei eine sehr hohe Toleranz für Bitteres, was erklärt, warum sie besonders bittere Pflanzen bevorzugen (z.B. Löwenzahn). Mit 17.000 Geschmacksknospen (Mensch: 8.000-9.000, Hund: 1700) schmecken sie doppelt so viel wie der Mensch. Dies erklärt auch, warum sie als Nahrungsspezialisten die kleinen Feinheiten im Futter erschmecken und selektieren können. Sie nehmen zunächst alles erst einmal durch ihren feinen Geruchssinn unter die Lupe, bevor sie sich für einen Probebiss entscheiden. Dieser wird ggf. auch wieder ausgespuckt. Dadurch sind sie sehr schwer zu vergiften.

Tastsinn (Taktile Wahrnehmung)

Für die Nahorientierung der Kaninchen sind Tasthaare (Vibrissen) seitlich der Nase und über den Augen entscheidend. Sie verfügen aber auch über Tastkörperchen, besonders an den Enden der Gliedmaßen. Die 17 – 23 Tasthaare je Körperseite haben jeweils eine Länge 3 – 7 cm. Vibrissen werden im Fellwechsel nicht gewechselt.

Kaninchen orientieren sich sehr stark über ihre Tasthaare. Sie können dank ihrer Vibrissen die nahe Umgebung abtasten und auch abschätzen, ob sie durch eine Öffnung durchkommen. So wird eine Orientierung in Höhlen, Unterschlüpfen und bei Dunkelheit erleichtert. Bei Berührung wird die Bewegung der Härchen auf die blutgefüllte Kapsel am Ende des Haares übertragen. Dort sitzt der Nerv, der die Reize an das Gehirn weiterleitet.

Bei Rexkaninchen kommt es häufig zu stark gewellten, verkürzten/verkümmerten oder sogar fehlenden Tasthaaren. Ein Fehlen der Tasthaare wird in Deutschland als Qualzucht eingestuft, solche Züchtungen sind verboten.

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