Kaninchen mit Schlappohren sind als Haustiere sehr beliebt, doch artgerecht ist diese Züchtung leider nicht. Durch moderne medizinische Methoden weiß man mittlerweile, dass die meisten Widder unter den hängenden Ohren leiden. Widder haben durch ihre anatomische Ohrenform einen abgeknickten Gehörgang. Das kann man sich wie einen Schlauch vorstellen, den man knickt. Dadurch werden Schallwellen kaum noch weitergeleitet. Zudem wird Sekret nicht mehr aus dem Gehörgang abtransportiert, es kommt zu verstopften Gehörgängen und einem idealen Milieu für Bakterien und Hefen, die Ohrenentzündungen auslösen.

Eingeschränkte Körpersprache

Ein großer Teil der Körpersprache wird über die Ohren ausgedrückt. So legen aggressive Kaninchen beispielweise die Ohren an, neugierige Tiere kippen sie leicht nach vorne und entspannte Kaninchen legen sie in den Nacken ab. Widder können ihre Ohren kaum bewegen, so dass es zu Kommunikationsproblemen in der Gruppe kommen kann.

Die aufgestellte Blume (Schwanz) und angelegte Ohren sind ein typisches Zeichen für angreifende Kaninchen. Beim Widder kann die Körpersprache von Artgenossen, die vor ihm stehen, fehlgedeutet werden, da die Ohren nicht angelegt werden können.

Die Ohrenstellung macht einen großen Anteil der Körpersprache aus. Widderkaninchen sind in ihrer Ausdrucksfähigkeit eingeschränkt und werden von ihren Artgenossen schlechter verstanden.

Schwerhörigkeit

Widder-Kaninchen hören durch ihre Ohrenform sehr viel schlechter als Artgenossen mit Stehohren, in Untersuchungen ist ihre Hörschwelle messbar erhöht. Das Hörvermögen von Kaninchen mit Stehohren ist sehr gut, das der Widder hingegen so schlecht, dass sogar wir Menschen besser hören. Das ist in etwa vergleichbar, wie wenn wir uns einen Finger in die Ohren stecken würden. Sie leben somit seit dem Fallen der Ohren im Kindesalter mit einer Hörbehinderung.  Durch häufig auftretende Ohrenentzündungen sind viele Widder komplett taub, nur noch sehr laute Geräusche wie z.B. eine Kreissäge oder Discomusik direkt neben den Lautsprechern würden sie wahrnehmen.

Verletzungsgefahr bei Auseinandersetzungen

Rangordnungskämpfe gehören bei Kaninchen zum artgemäßen Verhalten. Wenn sich fremde Kaninchen kennenlernen, ein Jungtier in die Pubertät kommt oder sich der Rang verändert, kommt es zu Rangeleien, durch die ihre neue Rangordnung festgelegt wird. Kaninchen mit Stehohren legen bei Kämpfen ihre Ohrmuschel in den Nacken, dadurch sind sie geschützt und es kommt äußerst selten zu Verletzungen. Widderohren geraten oft zwischen die Fronten und es kommt häufig zu großen Wunden. Viele Tiere müssen daraufhin tierärztlich behandelt werden. Bei einzelnen Tieren kommt es sogar zu einer Amputation oder Teilamputation des Ohres. In einer aktuellen Studie hatten mehr als 16% der Widderkaninchen eine Ohrenverletzung, aber kein einziges Kaninchen mit Stehohren.

Vergleich: Sichtfeld von Kaninchen mit Stehohren und Widder-Kaninchen.

Kurzköpfigkeit

Auch unter den Widdern sind sehr viele rundköpfige Tiere mit flacher Schnauze zu finden. Diese haben mit einer besonderen Veranlagung für Zahnerkrankungen und Erkrankungen des Tränennnasenkanals (Nasen- und Augenausfluss, häufig mit „Schnupfen“ verwechselt) zu kämpfen.

Fakten aktueller Studien:

  • Kaninchen mit Hängeohren wiesen in Studien im Vergleich zu Kaninchen mit aufrechten Ohren eine etwa dreiundzwanzigfach höhere Wahrscheinlichkeit für eine Schneidezahnerkrankung auf.
  • Sie hatten auch eine ungefähr zwölfmal höhere Wahrscheinlichkeiten für zu lange Backenzähne und eine dreizehnmal höhere Wahrscheinlichkeiten für Zahnspitzen an den Backenzähnen als Kaninchen mit Stehohren.
  • Über die Hälfte der Widderkaninchen hatte Zahnanomalien (bei den Stehohrkaninchen kein einziges).

Mehr Infos zur Kurzköpfigkeit – Brachyzephalie

Veranlagung zu Ohrenentzündungen

Studien zeigen, dass Schlappohr-Kaninchen eine Prädisposition für Außen- und Mittelohrentzündungen aufweisen (die Außenohrentzündung geht auf das Mittelohr über). Ein großer Teil der Widder-Kaninchen entwickelt im Laufe des Lebens eine Ohrenentzündung. Widderkaninchen haben eine andere Anatomie der Ohren als Stehohrkaninchen: ihr Gehörknorpel ist unterbrochen, so dass die Ohren hängen (Knick im Gehörgang, der den Abtransport des Ohrenschmalzes erschwert oder verhindert und so Ohrenentzündungen begünstigt), zudem ist ihr Gehörgang in Studien signifikant enger als der von Stehohrkaninchen (Verhältnis des Durchmessers vor dem Trommelfell zum Durchmesser im Gehörgang zeigt einen signifikant geringeren Durchmesser beim Widder), auch das begünstigt Ohrenentzündungen.
Durch die hängende Ohrmuschel wird der Gehörgang schlecht belüftet und der Ohrenschmalz schlechter abtransportiert. Dadurch entsteht ein ideales Milieu für Entzündungen. Durch die chronische Entzündung leiden viele Kaninchen unter starken Schmerzen. Die allermeisten Ohrenentzündungen sind nach außen unsichtbar, die meisten Widder leiden lebenslang an chronischen Entzündungsprozessen im Ohr. Viele Tiere leiden unter Folgeerkrankungen und einem geschwächten Immunsystem. Die Behandlung ist schwierig und sehr aufwändig und kostenintensiv. Ist einmal eine Ohrenentzündung vorhanden, lässt sich diese oftmals nur noch mit einer Operation des Gehörgangs, teils mit Eröffnung des Mittelohrs, beseitigen.

Ohrenentzündungen bleiben unsichtbar!

Ohrenentzündungen merkt man den Kaninchen nicht an, denn sie werden bei einer normalen Allgemeinuntersuchung nicht festgestellt und können beim Blick ins Ohr nicht ausgeschlossen werden. Entzündungen in der Tiefe sind oftmals durch den abgeknickten Gehörgang und das darüber befindliche Sekret verdeckt. Mittel- und Innenohrentzündungen liegen hinter dem Trommelfell und sind somit von außen nicht sichtbar.

Die Grafik zeigt, warum das Otoskop nicht geeignet ist, um eine Mittel- oder Innenohrentzündung auszuschließen.

So kann man Ohrenentzündungen feststellen:

  • Mikroskopische Untersuchung eines Abstrichs aus der Tiefe des Ohres
  • Bakteriologische Kultivierung um die Besiedlung zu prüfen
  • Röntgenaufnahmen oder andere bildgebende Verfahren des Kopfes (MRT, CT) um Mittel- und Innenohrentzündungen zu diagnostizieren

Die meisten Kaninchen mit Ohrenentzündungen haben keine Symptome! Manche fallen lediglich durch das schmerzbedingte, etwas ruhigere, in selteneren Fällen auch aggressive Verhalten auf (Unverträglichkeiten!). Die meisten Widder haben zudem sehr stark verschmutzte, teils auch verlegte Gehörgänge. Kleine Knubbel am Ohransatz oder gerötete und warme Ohransätze sind ebenfalls möglich. In seltenen Fällen schütteln die Kaninchen den Kopf oder kratzen die Ohren, auch Pendelbewegungen des Kopfes (Scannen) oder zuckende Augenbewegungen (Nystagmus), so wie ein schiefer Mund sind mögliche Symptome. Fortgeschrittene Ohrenentzündungen äußern sich wie E. cuniculi und werden häufig mit dieser Erkrankung verwechselt (Kopfschiefhaltung, Gleichgewichtsstörungen und im Kreis laufen….)! Durch die ständige chronische Entzündung im Körper haben betroffene Tiere jedoch meist ein generell geschwächtes Immunsystem, so dass jegliche Erreger leicht ausbrechen (E. cuniculi, Parasiten…). und andere Entzündungen wie z.B. Zahnwurzelentzündungen, Abszesse und Kaninchenschnupfen gehäuft auftreten. Dies ist neben dem kurzen Kopf auch der Hauptgrund, warum viele Widder unter Zahnerkrankungen leiden. Durch Schmerzen zeigen sie ein verändertes Kauverhalten, was sich auf die Zahnwurzeln auswirkt. Häufig sind auch wiederkehrende Verdauungsstörungen und Nahrungsverweigerung zu beobachten.

Mittel- und Innenohrentzündungen lassen sich nur im Röntgenbild feststellen, beim Blick ins Ohr verdeckt das Trommelfell die Sicht.

Wichtige Vorbeuge-Untersuchungen

Es gibt Maßnahmen die helfen, Otitiden in frühen Stadien zu erkennen, diese sind bei Widdern wichtig:

□ Wöchentliches Abtasten des Ohransatzes (leichte Wölbungen? evtl. warm? Schmerzempfindlich? Juckreiz?)
□ Zweimal Jährlich einen Abstrich aus dem Gehörgang mit mikroskopischer Analyse zur Statuserfassung und Früherkennung anfertigen lassen (z.B. bei den Impfungen) um Außenohrentzündungen festzustellen.
□ Einmal jährlich ein Röntgenbild (um Mittelohr- und Innenohr-Entzündungen hinter dem Trommelfell festzustellen)
□ Kopfschütteln oder Ohrkratzen? Schiefer Mund? Scannen? Sie sollten die Symptome kennen!

Otitiden durch Ohrenpflege vorbeugen

Widder leiden meist lebenslang unter dem chronischen Entzündungsprozess, durch gute Pflege kann diese Entzündung nicht zwangsläufig verhindert, aber oftmals vermieden werden. Empfehlungen zur Otitis-Prävention:

Vergleich: gesundes und krankes Ohr durch Röntgenbilder sichtbar.

□ Wöchentliche Reinigung des äußeren Gehörgangs der Tris-EDTA (und evtl. Chlorhexidin) enthält:
Epibac Ohrreiniger: Dieser darf nicht bei beschädigten Trommelfell angewendet werden und ist deshalb nur für junge Kaninchen zur vorbeugenden Reinigung geeignet – nicht aber bei einer Mittel- und Innenohrentzündung bzw. wenn das Trommelfell nicht sicher intakt ist.
TrizEDTA darf auch bei defektem Trommelfell verwendet werden, er schafft ein gutes Milieu im Ohr.
– Auch Kochsalzlösung oder kolloidales Silber kann zur Reinigung verwendet werden, insbesondere wenn andere Ohrreiniger nicht vertragen werden.
– Ohrreiniger, der das Ohrenschmalz auflöst (z.B. EpiSqualen) bei erhöhter Ohrschmalzproduktion oder verstopften Ohren zum lösen des Sekretes. Bzw. bei der Erstreinigung.
– Keinesfalls dürfen Surolan oder andere cortisonhaltige Ohrreiniger/Medikamente beim Kaninchen angewendet werden!
– Sollte das Kaninchen auf einen Ohrreiniger stark reagieren (Hautveränderungen in der Ohrmuschel oder Reaktion nach der Reinigung (Brennen)), muss dieser gewechselt werden.
– Je nach Ohrschmalz-Menge, Schwere und Behandlungserfolg wird mehr oder weniger häufig der Gehörgang mit Ohrreiniger gespült.
Nicht mit Ohrenstäbchen einfach ins Ohr gehen! Ohrreinigung beim Tierarzt zeigen lassen: Der Ohrreiniger wird ins Ohr gegeben, am Ohrgrund einmassiert und auch hoch massiert, um ihn dann z.B. mit einem Taschentuch raus zu wischen (nicht tief ins Ohr gehen!).  Für jedes Kaninchen einen eigenen Ohrreiniger verwenden um keine Erreger zu übertragen.
□ Gründliche Reinigung der Ohren wenn Narkosen nötig sind oder bei Bedarf in Sedierung.

Weiterführend: Ohrenentzündungen beim Kaninchen

Beispiele für Untersuchungen, die unsichtbare Ohrenentzündungen aufdecken:

Fotos: freundlicherweise von Fr. Dr. Karin Teichmann zur Verfügung gestellt.

Röntgenbilder zur Feststellung von Mittel- und Innenohrentzündungen:

Unser Flyer zum Auslegen und Verteilen

In unserem Flyer ist das Wichtigste zusammengefasst! Tragt dazu bei, diese Informationen den Widder-Haltern zu vermitteln, damit betroffene Widder schneller gesundheitlich versorgt und bei nicht- betroffenen effektiv vorgebeugt wird! Bestellt unseren Widder-Flyer oder druckt ihn euch selbst aus! Flyer bestellen

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