Verhaltensstörungen in Innenhaltung – ein weit verbreitetes Problem, was kann man dagegen tun?

Natürlich wäre ein Außengehege idealer für die Fellnasen, aber auch in der Innenhaltung ist es möglich, die Kaninchen glücklich zu halten.
Viele Kaninchen werden in der Wohnung träge, sitzen den Großteil des Tages herum, bewegen sich nur wenig. Die fehlenden Umweltreize und die oft viel zu karge, trockene Ernährung verlangsamt den Stoffwechsel, die Kaninchen neigen zu Verdauungsstörungen wie etwa Haarballen. 

Wir beobachten jedoch, dass immer häufiger Kaninchen abgegeben oder in langweiligen Hochsicherheits-Gehegen abgeschoben werden, weil Verhaltensprobleme auftreten.

Oder sie wirken unausgelastet, zerstören die Einrichtung, knabbern alles an, was ihnen in den Weg kommt, wühlen die Toilette aus und verteilen den Inhalt in der Wohnung. Oft wird intensiv am Käfiggitter genagt und der Teppich in Einzelteile zerfetzt. Das liebevoll eingerichtete Gehege sieht nach wenigen Stunden wie ein Schlachtfeld aus und die Stoffe zieren zahlreiche Nagespuren. Im Extremfall kann es sogar dazu kommen, dass die Tiere sich aus Langeweile jagen oder sich bzw. dem Partnerkaninchen so lange an einer Stelle lecken und nagen, dass die Stelle kahl wird oder sogar die Haut darunter zur aufgeleckten Wunde mutiert. Und das, obwohl die Mindestmaße eingehalten und den Tieren eine liebevoll eingerichtete Umgebung eingerichtet wurde. Warum?
Das größte Problem in Innenhaltung ist Langeweile. Es fehlen Umweltreize, es bewegt sich nichts. Um das etwas zu erklären, ein kleiner Exkurs ins Leben der Außenkaninchen: In Außenhaltung gibt es Schneestürme, Laub, Temperaturschwankungen, frische Luft, Wind, Regen, Schnee. Das Gras bietet ständig Material zum Knabbern und einen interessanten Untergrund. Zweige werden benagt und Laub gefressen. Alles schmeckt anders und interessant. Jeden Tag sieht die Umgebung anders aus. Es kommen Katzen, Marder, Füchse und Greifvögel, die Tiere sind ständig beschäftigt, nach Feinden Ausschau zu halten, sich in Sicherheit zu bringen, einen Bau anzulegen und stundenlang zu graben. Sie sonnen sich frühmorgens in der Morgensonne und grasen gesammelt abends in der Abendsonne. Sie graben sich kuhlen, buddeln Wurzeln aus und toben umher. Es ist immer was los!
In Innehaltung fehlen sehr viele Umweltreize, deshalb ist es umso wichtiger, die Natur in die Wohnung zu holen und die Kaninchen aktiv am Alltag der Halter teilhaben zu lassen. Die Kaninchen möchten dort leben, wo sich auch die Menschen aufhalten, möchten beschäftigt werden. Man kann ihnen die Einrichtung täglich umbauen und austauschen, Futter vorbei bringen und mit ihnen sprechen. Viele Kaninchen genießen auch Streicheleinheiten. Sie brauchen einen Partner, viel Platz zum Toben und ganz viel Abwechslung. Oft hilft es auch, das Fenster zu kippen, so dass die Kaninchen Umgebungsgeräusche von draußen wahrnehmen. Ein Leben auf den Mindestmaßen ist nur für wenige Kaninchen befriedigend, gerade in Innenhaltung brauchen Kaninchen so viel Abwechslung, dass sie selbst in größeren interessant eingerichteten Gehegen oft chronisch gelangweilt sind. Es ist empfehlenswert, sie frei in der Wohnung zu halten oder ihnen zumindest morgens und abends Auslauf zu ermöglichen und Beschäftigungszeiten einzurichten, in denen man ihnen etwas aufbaut, umbaut, Material zur Beschäftigung bietet und sich um sie kümmert. Kaninchen haben in der Natur rund um die Uhr Knabbermaterial in Form von Laub, Wiese, Zweigen, Rinden und Wurzeln um sich. In Wohnungshaltung sollte man deshalb mehrere Toilettenschalen mit Heubergen, sowie Kisten mit Stroh, Heu und verschiedener Einstreu aufstellen.
Kaninchen brauchen wöchentlich erneuerte, frische Zweige von Laub- und Nadelbäumen aber auch täglich frisches Grünfutter, möglichst aus der Natur, also Wiesenpflanzen, Gräser, Baumblätter… Das Futter kann man in den verschiedenen Kisten anbieten, damit der Futterort sich auch mal verändert. Eine übervorsichtige, unnatürliche, trockene, karge Fütterung führt häufig zusammen mit der wenigen Bewegung zu einem verlangsamten Stoffwechsel und Verdauungsproblemen. Übergewicht, Verdauungsstörungen wie etwa Haarballen und ein schlechtes Immunsystem sind die Folge. Oft resultieren hierbei auch Harnwegserkrankungen wie etwa Harnsteine, Harngrieß oder Nierensteine,die durch wenig Bewegung und trockenes Futter begünstigt werden. Aber auch Vitamin D Mangel ist ein großes Problem, das Fensterglas filtert die wichtigen UVB Strahlen, so dass die Kaninchen einen Magel erleiden, der wiederum den Stoffwechsel verlangsamt. Abhilfe schafft angereichertes Futter oder noch besser eine UVB Lampe im Gehege.
Stellen Sie Ihren Kaninchen eine wirklich große Buddelkiste zur Verfügung, die sie mit Sand oder Erde befüllen und feucht halten. Buddeln ist ein Grundbedürfnis! Durch einen kleineren Eingang am Deckel der Kiste wird verhindert, dass die Kaninchen die Streu in der Wohnung verteilen. Wenn die Kaninchen diese Kiste als Toilette missbrauchen, kann sie mit Einstreu befüllt und regelmäßig erneuert werden.
Bei der Einrichtung ist es essentiell, darauf zu achten, dass die Kaninchen erhöhte Aussichtsplattformen, Tunnel, Verstecke und Höhlen bekommen haben. Machen Sie auch ruhig mal eine Ecke mit einer großen Käfigwanne, in der Sie dicht gedrängt Zweige, Heu und Stroh zu einem Berg anhäufen, so dass die Kaninchen beschäftigt sind indem sie sich durch´s „Unterholz“ arbeiten.
Wenn Sie einen Balkon haben oder einen Garten, dann ermöglichen Sie den Tieren dort Auslauf. Sollte es draußen kalt sein, lassen Sie die Türe offen oder bauen Sie eine Katzenklappe ein, dann gehen die Kaninchen selbständig rein, wenn es ihnen zu kalt wird.
Kurz gesagt: Mit einer abgezäunten pflegeleichten Zimmerecke ist es nicht getan, es braucht Zeit und Geduld um den Kaninchen ein wirkliches Paradies in der Wohnung einzurichten und sie zu beschäftigen – erst dann sind die intelligenten Tiere so ausgelastet, dass sie keine Verhaltensstörungen mehr zeigen und Verhalten, das Ihnen ein Dorn im Auge ist, auf das vielfältige Beschäftigungsmaterial umgelenkt werden kann.

 

7 Kommentare
  1. Mona
    Mona sagte:

    Toller Beitrag! Wir haben zwei Löwenkopfkaninchen im Wohnzimmer. Selbst wenn die Gehegetür offen steht kommen sie nicht raus und erkunden den Rest der Wohnung. Sie haben 15m2 und eine riesen Buddelkiste und die Burg von Plüschnasen. Zusätzlich immer frisches Futter und Spielzeug. Wie kann man das deuten? Reicht ihnen der Platz oder warum kommen sie nicht raus?
    Viele Grüße

    • Kathinka Bradley
      Kathinka Bradley sagte:

      Hallo Mona,
      wahrscheinlich brauchen sie noch Zeit. Das Gehege ist ihr Revier und da fühlen sie sich wohl, außerhalb ist es euer Revier und sie müssen damit rechnen, dort angegriffen zu werden, wie es bei Wildkaninchen üblich wäre. Gebt nicht auf und bietet es ihnen an, manche Kaninchen brauchen einfach etwas :). Bietet es am Besten Abends und morgens an, da sind sie besonders aktiv.
      Liebe Grüße,
      Tinka vom Kaninchenwiese-Team

  2. Fatboy92
    Fatboy92 sagte:

    Wir haben einen Garten, trauen uns aber nicht ihn raus zu lassen, weil er nicht von allein zurückkommt. Auch fürchten wir, er könnte von einer Katze gefressen werden.

    Ist es möglich ihn einfach laufen zu lassen ?

    Ungefähr 1 1/2 Jahre alt, verbringt die meiste Zeit im Käfig.

    Vielen Dank für einen Hinweis.

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar