Das zarte Skelett ist besonders anfällig für Knochenbrüche.

Knochenbrüche sind beim Kaninchen nicht selten, sie machen gut 5% der Vorstellungsgründe beim Tierarzt aus.

Warum neigen Kaninchen zu Knochenbrüchen?

Kaninchen haben einen sehr grazilen, feingliedrigen Knochenbau. So machen die Knochen eines Kaninchens nur etwa 6-7 % des Körpergewichts aus, während die Knochen anderer Haustiere und auch des Menschen einen sehr viel größeren Anteil einnehmen, beispielsweise machen die Knochen einer Katze rund 10 % des Körpergewichts aus. Zudem erhöht sich das Splitter-Risiko durch die sehr dünne und spröde Kortikalis des Knochens.

Die lange gebogene Wirbelsäule ist sehr anfällig für Knochenbrüche, besonders da Kaninchen als Fluchttiere schnell in Panik geraten und mit starken Abwehrbewegungen (z.B. Ausschlagen der Hinterbeine oder Zappeln) reagieren und sich dabei regelmäßig selbst Verletzungen zuziehen.

Ursachen: Knochenbrüchen vorbeugen

Durch versetzt angeordnete Etagen werden hohe Stürze vermieden.
  • Das Anheben und Tragen von Kaninchen sollte mit Fachkenntnis und bedacht gehandhabt werden! Falsches Handling ist der häufigste Grund für Knochenfrakturen! Besonders das Herunterfallen vom Arm kann zu Knochenbrüchen führen. Kinder sollten Kaninchen nicht anheben, sondern auf dem Boden streicheln.
  • Besonders bei der Fixation von Kaninchen (z.B. beim TÜV, Fellpflege, tierärztlichen Behandlungen oder bei Kaninchenausstellungen) kommt es häufig zu Knochenbrüchen oder -luxationen.
  • Eine klassische Wirbelsäulenverletzung ist ein Bruch der Halswirbelsäule beim wachsenden Kaninchen, der i.d.R. durch den Nackengriff im Jungtieralter beim Züchter verursacht wurde. Die Kaninchen sind häufig zunächst unauffällig, teils ist es sogar ein Zufallsbefund. Durch kleinere Trigger (Sturz, Jagen, Handling…) kann es jedoch zu akuten Symptomen (meistens Lähmungen) kommen. Die Tiere müssen ebenerdig ohne Etagen untergebracht und Sprünge verhindert werden.
  • Achten Sie auf absolut raubtiersichere Gehege: Raubtierangriffe sind ein häufiger Grund für Knochenbrüche. Nicht nur direkte Verletzungen sondern auch selbst zugefügte, wenn die Kaninchen z.B. in kleinen Ausläufen keine Fluchtmöglichkeiten haben und in Panik gegen das Gitter rennen.
  • Etagen sollten mit einem Rand versehen sein oder so gestaltet werden, dass keine Abstürze über 50cm möglich sind (z.B. höhere Etagen so anlegen, dass die Kaninchen beim Sturz auf die darunterliegende Etage und nicht 2m in die Tiefe stürzen). Zudem sollte jeweils ein Auf- und ein Abgang vorhanden sein, so dass kein Kaninchen in die Enge getrieben und zum Absturz genötigt werden kann. Die Etagen sollten so breit bemessen sein, dass min. zwei Kaninchen aneinander vorbei kommen.
  • Es gibt viele Gefahren im Auslauf, die zu Unfällen führen können, z.B. Einklemmen in der Türe, Stürzen aus dem Fenster oder vom Balkon und unbeabsichtigte Tritte…
  • Beachten Sie, dass es sehr viel tierschutzwidriges Zubehör im Handel gibt, das zu Brüchen führen kann. Besonders Drahtgestelle (z.B. Käfigoberteile, Gitter, Raufen) können zur Todesfalle werden oder starke Verletzungen verursachen. Klassisch entstehen Knochenbrüche z.B. indem Kaninchen zwischen Gitterstreben (Käfigtüre oder Oberteil, Heuraufe) rutschen und in Panik versuchen, sich zu befreien. Dabei kommt es häufig zu Knochenbrüchen.
  • Ein ca. 30cm hoher Rand ringsherum um das Gehege verhindert ein gegen-das-Gitter-laufen durch Flucht in Schreckmomenten.
  • Beim Tierarzt darf kein Maulspreizer am wachen Tier eingesetzt werden! Dabei kommt es regelmäßig zu einem Bruch des Kiefergelenks!
  • Auch Neoplasien (Knochentumoren) können zu Knochenbrüchen führen.

Symptome: Knochenbrüche erkennen

Lähmungen führen oft zum gestörten Urinabsatz und fehlender Blinddarmkotaufnahme. Dadurch werden ggf. Fliegen angezogen, es kann zu Fliegenmadenbefall kommen! Ein Schutz ist wichtig!

Hat ein Tier einen veränderten Gang, stehen Gliedmaßen anders ab oder sind schlaff? Setzt das Kaninchen seine Gliedmaßen anders an als sonst oder entlastet sie? Kann das Kaninchen nicht kauen (Kieferbruch)? Hat ein Kaninchen schwere Verletzungen durch Unfälle, Raubtierangriffe etc.? Das alles und vieles mehr kann ein Hinweis auf einen Knochenbruch sein!

Erste Hilfe

Versuchen Sie bei Kaninchen mit schweren Symptomen das Kaninchen möglichst schonend in die Transportbox zu bringen, z.B. indem es sich selbst hinein begibt oder indem sie es mit Tüchern seitlich fixieren und in der vorliegenden Position ohne viel Bewegung in die Box legen. Es sollte in der Box mit Teppich- oder Handtuchrollen in seiner Bewegung so eingeschränkt werden, dass es bei der Autofahrt nicht herumgeworfen werden kann! Dafür wird ein Teppich oder ein Handtuch um eine Flasche (z.B. gefüllte 1,5l PET-Flasche) gerollt. Nach oben vergitterte Transportboxen können mit einem Tuch abgedeckt werden, um Kaninchen unter Schock zu beruhigen.

Bei akuten Blutungen gibt der Nottierarzt telefonisch Hilfestellung zur Stillung der Blutung und Lagerung der Tiere (Kompressionsverband, Kopf tief lagern etc.). Offene Wunden und hervorstehende Knochen sollten mit einem frisch gewaschenen feuchten Handtuch abgedeckt werden, um eine zusätzliche Verunreinigung zu verhindern.

Der Notdienst sollte aufgesucht werden sofern es sich um einen Unfall, eine akute Verletzung oder einen Raubtierangriff handelt, oder aber wenn das Tier sich nur schlecht bewegen kann, Schmerzen zeigt, oder andere Auffälligkeiten aufweist (z.B. nicht/wenig fressen etc.). Im Zweifelsfall kann telefonisch im Notdienst nachgefragt werden!

Diagnose: Ist es ein Knochenbruch?

Die Diagnose ist oft nicht einfach: Boby wurde auf EC behandelt, da er Augenzuckungen, Lähmung und Gleichgewichtsprobleme zeigte. In der zweiten Ebene beim Röntgen sah man, dass ein Knochentumor die Hüfte zerfrisst, EC ist durch die Immunschwäche dazu ausgebrochen. Die umfangreiche Diagnostik ist entscheidend, damit gezielt behandelt werden kann und Fehldiagnosen vermieden werden.

Der Tierarzt macht sich zunächst mit einer gründlichen allgemeinen und ggf. neurologischen Untersuchung einen Überblick über die Erkrankung, Dabei wird z.B. geprüft ob das Kaninchen sich im Schock befindet und wie schwer die Erkrankung ist. Je nach Befund sind weiterführende Untersuchungen notwendig:

  • Immer sollte ein bzw. mehrere Röntgenbilder der Wirbelsäule und betroffenen Gliedmaßen bzw. des betroffenen Bereiches aus mehreren Positionen gemacht werden. Bei Auffälligkeiten der Atmung muss auch der Brustkorb geröngt werden.
  • Ist im Röntgen keine Ursache feststellbar oder eine Wirbelsäulenverletzung vorhanden, kann eine CT sinnvoll sein um feinere Verletzungen (insbesondere der Wirbelsäule und des Rückenmarks) festzustellen.
  • Bei einigen Tieren ist ein Ultraschall notwendig um die Auswirkungen der Verletzungen genauer einzuschätzen.
  • Evtl. wird das Kaninchen zu einem Neurologen überwiesen, wenn der Tierarzt die Vermutung hat, dass es sich um ein neurologisches Problem handelt.
  • Auch eine Blutentnahme kann notwendig sein (EC-Doppeltiter bei neurologischer Symptomatik – Hämatokrit, Nieren-, Leberparametern und Gesamteiweißgehalt bei Schock)

Therapie: Knochenbrüche behandeln

  • Einige Kaninchen benötigen eine Schock- und Infusionstherapie (Vollelektrolytlösung in die Vene), evtl. ist eine Sauerstoffzufuhr und Intensivversorgung des Kaninchens notwendig (die Verdauung/Nahrungsaufnahme sollte im Blick behalten werden!)

Die Behandlung von Knochenbrüchen richtet sich nach dem Bruch, deshalb ist es meist notwendig, dass ein erfahrener Knochenchirurg (Kaninchenspezialisierung ist nicht notwendig) den Bruch begutachtet!

  • Manche Frakturen können konservativ ohne Operation verheilen (besonders Brüche im Zehenbereich, gedeckte Brüche (keine Verletzungen des umliegenden Gewebes) die gut liegen): Dabei wird der Bruch mit einer Schiene und einem Verband stabilisiert. Das Kaninchen wird für ein paar Wochen in einem kleinen Käfig ohne Einrichtung in das Gehege gestellt. Damit es sich sicher fühlt, wird das Oberteil z.B. mit einem Holzbrett oder Teppich abgedeckt. Es sind regelmäßige Kontrollen erforderlich.
  • Bei offenen Brüchen (Haut zerrissen, der Knochen schaut raus) oder Brüchen mit Gelenkbeteiligung bzw. nah am Gelenk bzw. Brüchen mit hoher Belastung ist eine operative Versorgungnotwendig. Eine Zurückverlagerung in die gewohnte Position ist selten erfolgreich, meistens müssen andere Techniken angewendet werden. Der Chirurg wird zum Vorgehen beraten!
  • In manchen Fällen kann die Gliedmaße durch eine Operation nicht gerettet werden (z.B. Knochentumor, Wundheilungsstörungen/Infektionen, komplexe Brüche etc.). Dann steht eine Amputation (Entfernung des Beines) im Raum. Besonders gesunde, nicht allzu alte Kaninchen kommen dreibeinig sehr gut zurecht. Schwerere oder kranke Kaninchen haben u.U. größere Probleme mit einer Amputation der Hintergliedmaße oder erholen sich nicht. Die Vordergliedmaßen sind dabei weniger Druck ausgesetzt als die Hintergliedmaßen. Allerdings kommt es durch die Fehlhaltung nach der Amputation i.d.R. zu Arthrosen und Wunden Läufen der übermäßig belasteten verbleibenden Gliedmaßen.
  • Ellbogenluxationen werden behandelt indem das Gelenk wieder eingerenkt wird. Anschließend muss das Kaninchen einen Stützverband tragen. Rutscht das Gelenk wieder raus, kann eine Operation notwendig werden.
  • Bei einer Hüftluxationen reicht es nicht, den Knochen zurück ins Gelenk zu verlagern und mit einem Verband zu stabilisieren, da er häufig wieder herausspringt (das Ligamentum capitis femoris ist oft abgerissen). Eine Rückverlagerung und Fixierung des Knochens in Sedation mittels einer Ehmer-Schlinge verleiht Stabilität und erhöht die Erfolgsaussichten. Es kann zu einer Reluxation kommen. Auch durch eine Befestigung mit Nylonnähten im Gelenk ist eine Fixierung möglich. Ist dies nicht erfolgreich, kann eine Operation, bei der der Kopf des Oberschenkelknochens entfernt wird (Femurkopfresektion), angewendet werden.

Einige Kaninchen benötigen zusätzliche Maßnahmen, z.B. Physiotherapie.

Ist das Bein nicht mehr zu retten? Keine Angst vor Amputationen!

Handelsübliche Käfige eignen sich um Kaninchen mit Brüchen ruhig zu stellen.

Pflege: Medikamente, Gehege anpassen, Lagerung…

Unterbringung

Kaninchen mit Knochenbrüchen müssen ruhig gestellt werden. Das Kaninchen wird für ein paar Wochen in einem kleinen Käfig ohne Einrichtung in das Gehege gestellt. Damit es sich sicher fühlt, wird das Oberteil z.B. mit einem Holzbrett oder Teppich abgedeckt. Durch Chip-Katzenklappen oder eine größere Hürde (je nach Mobilität des kranken Kaninchens z.B. ein Brett, dass die gesunden Kaninchen überwinden können), kann der Zugang von Artgenossen ermöglicht werden. Die Kontakte sollten anfangs nur unter Kontrolle erfolgen, bis das Verhalten der Artgenossen eingeschätzt werden kann! Bei Abwesenheit ist Kontakt am Gitter möglich. Später können liebevolle Partnertiere freien Zugang erhalten.

Achtung: bei gestörter Blasenfunktion und Lähmung nässen sich Kaninchen ein! Auch eine gestörte Blinddarmkotaufnahme kann problematisch sein. Das alles zieht sehr schnell Fliegenmaden an, die zum grausamen Tod führen können. Betroffene Kaninchen müssen mit Fliegengitter und Spot-on geschützt werden!

Medikamentengaben

Neben einer sehr guten Schmerzmedikation (am besten Kombination mehrerer Medikamente), benötigen einige Kaninchen auch Antibiotikagaben nach der Operation.

  • Das Antibiotikum muss knochengängig sein (z.B. Enrofloxacin), es sollte auf die  PLACE-Regel geachtet werden, da viele Knochenchirurgen nicht kaninchenkundig sind (beim Kaninchen nicht oral eingeben, gespritzt nur in speziellen Fällen: Penicillin, Lincomycin, Amoxicillin, Ampicillin, Clindamycin, Cephalosporine, Erythromycin).

Um die Kaninchen nicht zu stressen, sollte die Medikamente bevorzugt über Leckerlis gegeben werden. Siehe Medikamentengabe. Durch die Unterbringung im Käfig kann z.B. das mit Medikamenten präparierte Futter auf einem kleinen Teller vor das Kaninchen gestellt und die Artgenossen solange ausgeschlossen werden, bis es weggefressen ist.

Lagerung

Kaninchen die sich nicht selbst ausreichend bewegen können, müssen mehrmals täglich umgelagert und auf Vetbeds (untendrunter saugfähiges Material, z.B. Holzpellets) gehalten werden. siehe Lagerung gelähmter Kaninchen

Vorhandene Etagen sollten mit Rampen versehen werden.
Gehege und Haltung anpassen

Bei einigen Kaninchen ist auch nach der Heilung eine Anpassung des Geheges notwendig um z.B. höhere Sprünge (Belastung der Gelenke – Arthrose!), Wunde Läufe und Stürze zu verhindern:

  • Absicherung von Etagen (Wände + Aufgänge/Rampen, so dass die Kaninchen nicht hoch springen)
  • Ggf. Veränderung des Untergrunds um Pododermatitis bei übermäßig belasteten Gliedmaßen zu verhindern (am besten Heu auf einer dicken Lage Einstreu, Hundematten etc., siehe Pododermatitis)
  • Bei einigen Kaninchen ist zwingend ein rutschfester Untergrund erforderlich (Teppiche, dicke Einstreu, Wiese…).
  • Ggf. Anpassung der Gruppe (Separation mit ruhigen, liebevollen Partnertier, sofern das Kaninchen nicht in der größeren Gruppe klar kommt)
  • Kaninchen mit Amputation benötigen Hilfe bei der Körperpflege. Fehlt eine Hintergliedmaße, können die Ohren nicht ausreichend gereinigt werden. Bei Vorderbein-Amputationen ist häufig die Gesichtsreinigung erschwert.
Ebenerdige Toiletten mit hohen Rand sind bei Bewegungseinschränkungen wichtig.
Kaninchen mit amputiertem Hinterbein auf einer Etage mit Rampe und Umrandung.

Quellen u.a.:

Ertelt, J., Maierl, J., Kaiser, A., & Matis, U. (2010): Untersuchungen zur Anatomie, Pathophysiologie und Therapie der Luxatio antebrachii beim Kaninchen. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere38(04), 201-210.

Fehr, M., Thomas, M., Baur, S., & Köstlinger, S. (2011): Frakturen und Luxationen beim Kleinsäuger. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere39(05), 343-352.

Gallego, M., & Villaluenga, J. E. (2019): Coxofemoral luxation in pet rabbits: nine cases. Journal of Small Animal Practice60(10), 631-635.

Langenecker, M., Clauss, M., Hässig, M., & Hatt, J. M. (2009): Vergleichende Untersuchung zur Krankheitsverteilung bei Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Frettchen. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere37(05), 326-333.

Lübke, C., & Köstlinger, S. (2015): Frakturversorgung beim Kaninchen. kleintier konkret18(S 01), 12-17.